Sommerferien

„Ich kann doch jetzt nicht meine schicke neue Regenjacke anziehen,“ denke ich, während ich aus dem Windfang des Mathegebäudes durch die Wassermassen auf mein Fahrrad starre, „die war doch viel zu teuer und ist viel zu schick für sowas.“

Vorher hatten wir schon das perfekte Wetter für diese Jacke auf „leicht bewölkt (wegen der UV-Strahlung, die die Jacke ja ausbleichen könnte), um die elf Grad (weil diese Plastikverbundstoffe unter sieben Grad ihre Geschmeidigkeit verlieren, alle AutofahrerInnen (Winterreifen!) werden das wissen) und keinesfalls regnerisch (die Jacke könnte schmutzig werden)“ definiert – angehende Ingenieure eben.

Und nun schaue ich dem Wetter beim Bestreben zu, einen Ausgleich für den viel zu trockenen November zu schaffen, und insgeheim freue ich mich auch ein bisschen, denn so eine Jacke ist ja nicht nur eine Jacke, es handelt sich ja immerhin um Funktionskleidung, und da ich mich schwer davon abhalten konnte, mich mit dem Ding unter die Dusche zu stellen, kann ich sie hier unter realen Bedingungen testen. Angehender Ingenieur eben.

Funktionskleidung.

Diese Jacke hält nicht nur den Regen ab, nein, das wäre „trivial“, wie unsere Profs und Dozenten uns gerne weismachen, wenn sie irgendwas nicht rechnen wollen. Wir leben in einem hochtechnisierten Zeitalter, in dem Amazon Dinge liefert (und den entsprechenden Preis vom Konto abzieht, leider), bevor man überhaupt ans Bestellen gedacht hat und der mp3-Player mehr Rechenpower hat, als die Apollo 11.
Und die ist immerhin (wahrscheinlich) auf dem Mond gelandet.

Meine Jacke kann also besser atmen als ein enthusiastischer Vater nach neun Monaten Schwangerschaftsgymnastik und hält das Wasser ungefähr so gut, wenn nicht gar besser ab, als Superman auf ihn abgefeuerte Kugeln (ich vermute, sie ist sogar kugelsicher).
Sie wiegt weniger als  ihr Äquivalent in Federn, hat mehr gekostet als ihr Äquivalent in Gold und ist knallrot.

Das soll angeblich nicht nur Stiere fuchsig machen.

Zudem fühlt man sich ungefähr so, als könne man damit den Südpol erobern. Ist ja schließlich Funktionskleidung.

Das aber nur am Rande.

Denn dass ich jetzt die Muße habe, über ein Stück Plastik zu schreiben, hat mit den freundlichen Grüßen aller an meinem Angehen des Ingenieurseins beteiligten Lehrenden zu tun, welche sich wunderbar mit den Worten unseres Messtechnik-Profs zusammenfassen lassen: „Genießen Sie Ihre Ferien, das sind die einzigen, die Sie haben werden.“
Alles andere ist nämlich nur vorlesungsfreie Zeit.

Ferien also.

Und so machte sich beinahe Sommerferienstimmung breit, als ich nach dem Tutorium die Unterlagen in den Rucksack warf, selbigen auf den Rücken schwang, ihn wieder abnahm, meine Fahrradjacke (auch so toll und so teuer wie die Regenjacke, aber eben nicht wasserfest) überwarf, den Rucksack wieder auf den Rücken schwang, ihn wieder abnahm um die Regenjacke… ihr wisst schon.

Also Sommerferienstimmung.

Die nur geringfügig davon gestört wurde, dass es inzwischen

  •  schon fast wieder zappenduster
  • und so nass war, dass die Regentropfen sich auf dem Boden zu stapeln begannen.

Und so wurde ich jäh aus meinen Träumen gerissen – in denen ich schon zahllose Tage am Baggersee, die Abende mit Grillen und die Nächte mit, nunja, (ihrwisstschon,roteklamottenundso) verbringen würde – um zu etwas realistischeren Gedanken zu kommen:

  • es sind nur ein paar freie Tage
  • von denen ich aber viele damit verbringen werde, Freunde und Familie zu treffen und Zeit mit ihnen zu verbringen
  • eine Pause wird mir guttun; das Semester war bis hierher enorm anstrengend
  • ich werde klatschnass werden, wenn ich JETZT nach Hause radle
  • aber ich MUSS, denn ab jetzt habe ich FREIZEIT
  • die ich – zumindest heute abend – sehr gerne mit Johnny Haeuslers sehr unterhaltsamen und tollen „I Live By The River“ verbracht habe
  • das zumindest den Tonfall dieses kleinen Schriebes inspiriert hat, sowie
  • meine Schuhe sind wasserdicht
  • zumindest von innen
  • die Jacke aber hat mich knochentrocken gehalten

Und ist jetzt, wo sie wieder trocken und knallrot im Schrank hängt, noch genauso schön, wie vorher.

Über sushey

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2 Antworten zu Sommerferien

  1. alicia schreibt:

    Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der über eine Regenjacke schreiben kann und einem das Lesen dabei auch noch Spaß macht.
    Bring ja die rote Jacke mit! Im Norden regnet es namlich nur einmal am Tag. Von morgens bis abend durchgehend. Bis die Tage Hdl Ma

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  2. Jetteken schreibt:

    Soso… rot also… wir müssen uns mal an einem Regentag treffen.

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