Das Mixtape

In einem kleinen, unscheinbaren Haus am Rande der Stadt.
Dort, wo bereits die ersten Wiesen zwischen den Häusern sind und die Silhouette der Stadt im Hintergrundrauschen verschwindet.
Die Sonne steht schon recht tief und strahlt über die weißglitzernde Szenerie; sie scheint durch ein Dachfenster.

TDK C90 von Status Frustration

Auf der Innenseite scheint der goldrote Strahl durch die leicht muffige, trockene Luft. Einzelne Staubkörner wirbeln durcheinander, tanzen scheinbar umeinander herum.
Schräg leuchtet der Strahl über den rohen Holzfußboden hinweg, auf dem sich Kartons und allerlei Krimskrams befinden, hier eine Kiste mit der Aufschrift „Weihnachtsdeko“, dort ein Stapel Kinderbücher, neben dem ein einzelnes, offensichtlich heruntergefallenes Buch liegt, in der Mitte aufgeschlagen.

Der Strahl streift einige an einem Balken aufgehängte Kleidungsstücke, er verfängt sich kurz knisternd am in Folie eingewickelten Brautkleid, spielt mit den Haaren des Kragens eines dunkelbraunen Pelzmantels und streift eine Uniform, dunkelblau, mit goldenen Streifen: die Uniform eines Seemannes.

Und schließlich fällt der Strahl auf einen Karton in einer der hinteren Ecken des Dachbodens, dort, wo es immer schummerig ist und dicke Staubschichten stumme Zeugen des jahrelangen Vergessens sind. Eine Hummel liegt seitwärts auf dem Karton, einen Flügel trotzig und nichtsdestoweniger tot in die Luft gestreckt.

Der Lichtstrahl scheint durch den Flügel hindurch; bricht sich in der scheinbar perfekten Transparenz, und wenn man genau hinschaut, kann man feine Adern erkennen, die ihn durchziehen. Das Licht berührt den Körper der Hummel, bricht sich zu einem Regenbogen in den Facettenaugen des Insekts.

Im Karton, geschützt durch die Pappschicht, befinden sich allerlei Undefinierbarkeiten. Eine Menge Papiere, Briefe, Bilder. Ein kleines Stofftier mit einem Ring an seinem Kopf, offensichtlich als Schlüsselanhänger gedacht.
Kleine Figürchen, die inzwischen wohl die Aussicht aus dem Setzkasten heraus vergessen haben, mehrere kleinere Schachteln, und schließlich, fast ganz unten, unter einer weiteren Lage kleinerer und größerer Schriftstücke:

Eine Musikkassette.

Die Hülle ist zerkratzt und von einem großen Riss durchsetzt. Das kleine Stückchen Papier, auf dem die Lieder vermerkt sind, verblasst. Man kann erkennen, dass auf der Kassette selber auch ein Aufkleber prangt, doch auch er verblasst und leicht gelblich.

Etwas nähert sich der Kassette.

Eine Hand, schmalgliedrig, weiche, nunmehr staubige Haut, dezent lackierte Fingernägel. Eine zweite Hand kommt hinzu; sie wühlen sich durch den Karton, tragen Schicht um Schicht ab und aus dem Karton heraus. Verharren über diesem und jenem und graben sich unaufhaltsam vor, bis sie schließlich die Kassette greifen.

Die zu den Händen gehörende Person – etwa ein Meter siebzig groß, kastanienbraune, schulterlange Haare, die im Licht der untergehenden Sonne wie Feuer leuchten, eisgraue Augen – hält die Kassette ins Licht. Dreht die Hülle um, kann auf dem verblassten Papier nichts erkennen.
Öffnet die Hülle, nimmt die Kassette behutsam heraus. Streicht über den Aufkleber, dreht die Kassette um. Ein zweiter Aufkleber, ebenso verblasst. An der Kante der herausgebrochene Schreibschutz. Diese Kassette sollte ihren Inhalt für immer behalten.

Die Person weiß nicht, wonach sie genau gesucht hat, doch sie hat dieses Tape gefunden, und das reicht erst einmal. Sie steckt das Tape ein und geht in Richtung Treppe.

Wer hat das Tape gemacht, und für wen? Welche Lieder mögen darauf verborgen sein, und kann man sie überhaupt noch hören? Darf man sie einfach so hören?

Die Person mit den kastanienbraunen Haaren, die in der untergehenden Sonne rötlich schimmern, weiß es nicht, aber sie ist sich sicher: dieses Tape stellt etwas Besonderes dar.

Über sushey

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