Die beste Buchverkäuferin der Welt

Die beste Buchverkäuferin der Welt saß über ihre Bücher gebeugt am Schreibtisch. Sie wusste noch nichts über ihre Berufung, genau so, wie sie auch noch nicht viel mehr über Bücher wusste, als jeder andere leidenschaftliche Leser auch.
Sie las gerne, und es stapelten sich immer eine Handvoll Bücher auf ihrem Nachttisch.
Im Moment allerdings war sie eher genervt von visueller Informationsaufnahme.
Die beste Buchverkäuferin der Welt studierte einen Ingenieursstudiengang, und notgedrungen war sie vertieft in Tabellenwerken, mathematischen Formelsammlungen und Anleitungen zum besseren Programmieren.
Sie las, schrieb, blätterte zurück, klebte ein Post-It in eine Seite und wandte sich dann ihrer Mappe mit den Mitschriften zu. Ab und zu nahm sie einen Schluck aus der Tasse mit dem langsam aber sicher kälter werdenden Kaffee, und jede Dreiviertelstunde, wenn sie sich nicht mehr richtig konzentrieren konnte und eine kleine Pause brauchte, stellte sie sich ans Fenster, schaute hinaus in den grauen Hinterhof, schaute zu, wie der Wind scheinbar spielerisch durch den Efeu wuschelte, der an den Hauswänden emporwuchs.
Die beste Buchverkäuferin der Welt lernte für ihre Klausuren, und als sie sich vom Fenster zurück zum Schreibtisch drehte, fiel ihr Blick für den Bruchteil einer Sekunde auf den Bücherstapel neben ihrem Bett, so kurz, dass sie ihn nicht wirklich wahrnahm.
Das Buch, welches ihr Schicksal für immer ändern würde, lag an dritter oder vierter Stelle; und weil sie auch immer mal andere Bücher zwischendurch las, konnte es noch Wochen oder vielleicht sogar Monate dauern, bis sie es lesen würde.
Sie würde bis dahin zur Universität gehen, studieren, ihr Leben leben.

Das Buch, welches den Verlauf ihrer Zukunft so fundamental ändern sollte, war nicht besonders bemerkenswert. Ebenso wie das etwas eintönige Cover, deutete auch der Klappentext nicht darauf hin, dass es eine besondere Geschichte wäre, schon gar keine, die ein Leben ändern kann.
Es war eine durchschnittlich gute Geschichte, die ihrem Autor keine Preise verschaffte, aber ihm ein gutes Einkommen ermöglichte.
Die beste Buchverkäuferin der Welt würde sie lesen und sich gut unterhalten fühlen – bis zur Seite 81, nach der sie die Uni nie wieder betreten würde. Es stand nichts weiter Besonderes auf dieser Seite, was sie von, sagen wir, Seite 15 oder Seite 56 unterschied, und doch würde die beste Buchverkäuferin der Welt danach einen kleinen Buchladen in einer leidlich belebten Nebenstraße ihres Stadtteils eröffnen.

Sie würde nicht reich werden mit ihrem Buchladen, aber ein erträgliches Auskommen haben.
In ihrem Laden befänden sich kaum Bestseller.
Die Autoren, die sie zu Lesungen einlud, würden wohl in den seltensten Fällen in die Verlegenheit kommen, einen Preis für ihre Arbeit entgegen nehmen zu dürfen.
Sie wäre mit dem Herzen dabei, aber es wäre ihr nicht in den Sinn gekommen, sich als beste Buchverkäuferin der Welt zu sehen.

Und doch hätte jedes einzelne Buch für jeden einzelnen ihrer Kunden eine Seite 81.

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