Das Totenschiff

„Und wenn wir nicht gespielt hätten?“
– „Dann hätte ich mich schon vorher hierhergesetzt und mein Bier getrunken. Und das Buch gekauft“

Es stand buchstäblich auf des Messers Schneide. Ich war nach Dresden gekommen, um mir „Das Totenschiff“ anzuschauen. Leider hatten diese Idee nicht viele, und so waren wir zu viert, zwei zahlende Gäste und neben mir einen weiteren glücklichen Menschen, der auf der Gästeliste stand.

Inhaltlich ist das Stück, welches sich stark an der Romanvorlage von Traven orientiert, recht schnell erzählt: ein arbeitsloser Seemann wird angeheuert, auf der „Yorikke“, einem schrottreifen Seelenverkäufer, zu arbeiten. Die Bedingungen sind grausam, die Umstände so unerträglich, dass sich der Ich-Erzähler in Sarkasmus flüchtet:

„Als ich ankam, hatte ich in Erinnerung an normale Boote gefragt:
‚Wo ist denn die Matratze für meine Bunk?‘
‚Wird hier nicht geliefert.‘
‚Kissen?‘
‚Wird hier nicht geliefert.‘
‚Decke?‘
‚Wird hier nicht geliefert.‘
Mich wunderte nur, dass die Kompanie überhaupt das Schiff lieferte, das wir zu fahren hatten; und ich wäre nicht erstaunt gewesen, wenn man mir gesagt hätte, das Schiff muss jeder selber mitbringen“ (Traven, Das Totenschiff; aus wikipedia)

Es folgen hoffnungslose,deprimierende Zeiten für den Erzähler, der sich ausserhalb der Gesellschaft sieht und seinem Skipper auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist – ein lebender Toter auf einem Schiff seinesgleichen.

Schließlich wird er shanghait und landet mit seinem Schicksalsgenossen und anscheinend einzigem Kumpel Stanislav Koslowski auf der „Empress of Madagaskar“, die versenkt werden soll, um die Versicherungsprämie zu kassieren.

Bei der Inszenierung handelt es sich um eine szenische Lesung, bei der zwei Schauspieler wechselweise die verschiedenen Charaktere spielen; umrahmt von Lesungen längerer Textpassagen und begleitet von einer Musikerin.

Man bekommt also kein „richtig ausgespieltes“ Stück zu sehen, aber das karge Bühnenbild, der zurückhaltende aber passende Einsatz von Licht und Musik und das gegenseitige Sich-Zuspielen von Bällen der Schauspieler gaben eine insgesamt stimmige Performance, die ich mir gerne angeschaut habe und die mir Lust auf das Buch gemacht hat – so schwermütig das Thema ist.

Spielerisches Highlight ist der „Besentanz“ der beiden Schauspieler, der auch den inhaltlichen Break unterstreicht.

Trotz der geringen Resonanz ist es allen Schaffenden dieses Stückes hoch anzurechnen, dass sie es vernünftig und unterhaltsam über die Bühne gebracht haben. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt und hätte es im Nachhinein bedauernswert gefunden, es nicht gesehen zu haben.

Es gibt eventuell die Möglichkeit, „Das Totenschiff“ irgendwann noch einmal zu sehen. Wen die Thematik nicht verschreckt: anschauen!

Als ich nach der Vorstellung versucht habe, mein schlechtes Gewissen wegen des Gästelistenplatzes, dessen Wert wenigstens in Bier umzusetzen, wurde ich ironischerweise vom Theater angeheuert; es kann also sein, dass ich zur Tanzwoche wieder in Dresden bin – dann aber wieder an meinem Lieblingsplatz, hinterm Pult…

Dresden ist übrigens sehr schön, es gibt also keine Ausreden, nicht zu kommen!

Projekttheater Dresden
Tanzwoche Dresden

Über sushey

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Eine Antwort zu Das Totenschiff

  1. Pingback: Auf nach Dresden! Action im April… | milchmithonig.de

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