…und zieh‘ Klamotten an, in denen du verführt werden willst

Ein Gebirge von einem Schal.

Die graumelierte, dicke Wolle fließt scheinbar dahin und bildet ein zerklüftetes Massiv. Dort unten im Schatten liegen die Täler, und über ihnen türmen sich Wollwände, teils glatt und unbezwingbar, teils unterbrochen von dem, was Trägerin und vor allem deren Bewegungen so vorgeben.

Ein besonders schöner Wollbergrücken schlängelt sich quer über das Schalmassiv und verläuft unter ihrem Ohrläppchen, sodass dessen Ohrring leicht aufliegt.
Welch erhabenes Bild ergäbe sich dem mutigen Kletterer, der sich, vom Süden her kommend, durch ein Flussbett gröberer Maschen gekämpft hätte, das mäandernd immer weiter aufsteigt, bis es irgendwo im Gebirge verschwindet. Von dort aus würde man sich östlich orientieren, bis man fast an das Kinn der Trägerin stieße, ein steiler Klettersteig, den wohl nur erfahrene Kletterer sich trauen würden.
Steile Abhänge säumen den schmalen Grat, und vermutlich würde man komplett aus dem Schal fallen, rutschte man hier ab.

Kurz vor dem Ohrring noch eine Falz, ein Überhang zwar, aber nicht unbezwingbar. Hätte man diese Falz überwunden, so würde der majestätisch aufragende Ohrring für die Mühen mehr als entschädigen. Er sieht beinah so aus wie ein gewaltiges Auge, welches freundlich über die Bergkette schaut, die silberne Fassung die blau-grün-melierte Perle umschmeichelnd.

Hier könnte man sein Picknick machen, die Aussicht genießen und dann Photos machen, das Ohrring-Auge vor dem Hintergrund des Schalmassivs.

Hinter dem Ohrring könnte man sich entscheiden, ob man weiter um den Hals herumwandert, oder sich doch an den Abstieg wagt, der nicht ungefährlich ist. Die Wolle ist trügerisch, und so manche Masche nicht ganz so fest gestrickt, wie man glaubt. Ein unbedachter Schritt, und man könnte eine Lawine von Fusseln lostreten; flauschig polternd würden sie ins Tal fallen und alles mitreißen, was sich in ihren Weg stellt, während man selber um Halt kämpfend, vielleicht einen jener silbernen Fäden ergreifen könnte, die hier und dort in die Wolle hineingewoben…

Ein Grollen ertönt. Ein Gewitter? Nein, das kann nicht sein. Es ist eine… Stimme. Die Stimme der Trägerin! Sie spricht mit mir, und so entferne ich mich von der Gratwanderung, auf der ich mich gerade befand. Ich schaue in die Augen, die dem Ohrring gar nicht so unähnlich sehen und versuche, mich auf das Hier und Jetzt zu besinnen.

„…ich meine, was sagst du denn dazu?“, fragt sie mich, und der Füllstand meines Bieres verrät mir, dass eine geraume Zeit vergangen sein muss, seit ich das letzte Mal drauf geachtet habe. Der Füllstand ihres Bieres sagt mir, dass sie eine ganze Menge geredet haben muss, seit ich auf meine kleine Klettertour gegangen bin.

Worüber hat sie gesprochen? Verdammt, es ist nicht mal so, dass sie uninteressant wäre, ganz im Gegenteil.

Aber manchmal geht mein Geist in einem Schalgebirge wandern und ich habe Mühe, mich bei dessen Rückkehr zurechtzufinden, wie jemand, der oder die zu lange fernab der Zivilisation gelebt hat.

Ein Teil der Inspiration zu diesem Post.

Über sushey

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5 Antworten zu …und zieh‘ Klamotten an, in denen du verführt werden willst

  1. alicia schreibt:

    Hat nix mit deinem Text zu tun, aber ist mir gerade eingefallen. Strahlt der Schaaf über alle vier Backen, konnte Werder wohl Hannover packen….. ma

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  2. Morgan Finlay schreibt:

    Lustig!.. life would be much easier if we always had this kind of advance notice….

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  3. alicia schreibt:

    so jetzt zum Text. Gefällt mir, hat was poetisches und so habe ich das noch nie gesehen. ma

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