Elaine und die Sache mit der Magie

Unwillkürlich kichert Elaine, obwohl sie doch eigentlich leicht genervt ist, weil ihr guter Freund Vincent ihr diesen blöden Zaubertrick schon zum abertausendsten Mal gezeigt hat.
Als sie vorhin noch bei Elaine gefrühstückt hatten, hat Vincent ihn spontan erfunden, und zwar eigentlich nur, weil seine Nase läuft. Das tut sie fast immer, und Vincent hatte sich eine von den Sternenservietten gegriffen, dunkelblau und weiße Sterne. Er schnaubte kurz hinein, steckte sich die Serviette in die Tasche, stutzte – und zog grinsend ein weißes Taschentuch heraus.
„Guck mal, ich kann zaubern! Weiß -„, er steckte die Hand in die Tasche, “ und jetzt blau mit Sternen!“

Und das hat er seitdem etwa alle drei Minuten getan.

Also auch eben, als sie sich an einem Flohmarktstand einen Bilderrahmen angesehen hat.
„Guck mal Vincent, ist der nicht toll?“ hat sie ihren Begleiter um dessen Meinung gebeten, worauf der mit einem nonchalanten „Toll. Aber schau mal hier, das hier ist wirklich toll.“ wieder seine Taschentuch-Nummer abzog.
„Weiß…blau mit Sternen…weiß…blauhauhauu…“ als sie ihm in den Magen geboxt hat.

Jetzt gerade sitzen die beiden in der Sonne und essen eine Falafel. Elaine beschleicht ein leicht beschwingtes Gefühl; es ist einer der ersten Frühlingstage nach dem dunklen Winter. Sie ist fasziniert vom lebendigen Treiben auf und vor allem neben der Straße.
Es sind so viele Menschen unterwegs, denkt sie, ganz als hätten sie nur auf das gute Wetter gewartet. Als würde die Welt erst jetzt wieder weiterleben und auch in ihr eine Saite zum Schwingen bringen, die vorher stumm gewesen war.
Sie schaut sich weiter um und achtet nun auf die Farben, die ihr vorher gar nicht so aufgefallen waren.
Die Welt wirkt viel bunter als gestern noch, denkt sie, als sie ihren Blick vom Park über die Straße, an den Autos vorbei und durch die leicht diesige Luft nach oben schweifen lässt – und mit einem Mal fängt sie an zu lächeln.

„Waf lof?“ nuschelt Vincent durch den Kichererbsenbrei mit Sesamsoße in seinem Mund und schaut sie etwas verwundert an.

„Ach, nichts.“, sagt sie, „Ich habe mich nur über den Frühling gefreut.“ – und still, tief in sich verborgen denkt sie:
Das ist das ganze Geheimnis des Frühlings, zwei Taschentücher in der Tasche. Es ist nicht magisch, aber für einen winzigen Moment, einen halben Herzschlag lang, in dem Augenblick, wo seine Hand in der Tasche verschwindet, könnte es wirklich so sein. Es ist so, wenn ich es will.

Und in diesem Moment ist alles gut.

Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
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2 Antworten zu Elaine und die Sache mit der Magie

  1. Jetteken schreibt:

    🙂

    so schön, dass ich schlaftrunken noch mal quer durch die wohnung getapst bin, um den eintrag zu liken.

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  2. Svenja schreibt:

    Gefällt mir🙂

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