R.E.M. – Automatic For The People (1992)

Ein großer, dunkler Raum an einem Herbstabend. Es ist bereits empfindlich kühl, und es herrscht die leicht merkwürdige introvertierte Stimmung, die einen immer dann erreicht, wenn man herunterkommt von den aufregenden Dingen des Tages.

Ich befinde mich auf der Südinsel Neuseelands, und es ist kein Zufall, dass ich gerade hier meine intensivsten Erfahrungen mit „Automatic For The People“ mache. Ich nehme zusammen mit etwa 20 anderen Austauschschülern an einer organisierten Rundreise um die Insel teil, die wesentlich „wilder“, abwechslungsreicher und schöner erscheint als der Rest des Landes.
Wie das so ist mit mir, brauche ich immer wieder Auszeiten, um die Eindrücke zu sortieren, Meinungen zu bilden und ja, auch um Musik zu hören.
Ich habe seit etwa einem Jahr damit begonnen, mich intensiver mit R.E.M. auseinanderzusetzen, und während „New Adventures in HiFi“ sich zu meinem Favoriten mausert, schätze ich die Ruhe und die Dunkelheit, aber auch die Wärme, die von „Automatic…“ ausgeht – und so ist es kein Wunder, dass ich das Album in fast vollkommener Dunkelheit höre, um mich auf die Musik konzentrieren zu können.

Es nimmt mich von der ersten Minute an in den Bann. „Drive“ fasziniert mich, weil es verhalten daherkommt, gehemmt wirkt, immer mal wieder von der messerscharfen E-Gitarre zerschnitten.
Ohnehin mag ich die Mischung aus akustischen, folkigen Instrumenten und Rock-Elementen, die in der ersten Hälfte des Albums nur spärlich vorkommen. Hier eine verzerrte Gitarre, dort ein wenig Feedback – und ganz viel Platz, um die Gedanken wandern zu lassen.
Der perfekte Song für diese Stimmung ist vielleicht das sehr introvertierte „Sweetness Follows“, das ich genau dafür schätze und heimlich mehr mag, als z.B. das bekanntere und nicht weniger schöne „Everybody Hurts“.

Auch wenn mit „Monty Got A Raw Deal“ ein vergleichsweise lautes Stück folgt, so gibt es keinen wirklichen Bruch; vielmehr ist „Automatic For The People“ ein in sich stimmiges, vielschichtiges Album, dessen Wirkung sich mit dem wunderschönen „Nightswimming“ am besten erklären lässt: Man erinnert sich an einem Herbsttag leicht wehmütig an die schönen Abende, an denen man noch schwimmen war. Sie sind nicht lang her, und doch unwiederbringlich vorbei; der Herbst hat endgültig Einzug gehalten.

„Find The River“ ist das würdige Ende eines tollen Albums, auf dem mit „Man On The Moon“ einer der größten Hits der Band auch noch irgendwie Platz findet.

In der langen Bandgeschichte von R.E.M. gibt es schräge Alben („Fables of the Reconstruction“), introvertierten Kammerpop („Up“), rotzigen Rock („Monster“ und „New Adventures in HiFi“), das hoffnungslos überschätzte „Out Of Time“, und bis auf sehr wenige Ausnahmen sind sie allesamt sehr hörenswert – aber die zeitlose, perfekte Schönheit und Vollkommenheit von „Automatic“ erreichen sie alle nicht.

Es ist ein dunkles Album für dunkle Momente, dessen wahre Stärke in seiner Schönheit liegt.

Alles Gute zum 20.!

Über sushey

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