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Ich kann mich noch ziemlich gut erinnern an diesen Morgen vor fast genau vierzehn Jahren. Ich war in der 10. Klasse, das Schuljahr ging langsam in die Zielgeraden (auch wenn es sich nicht so anfühlte), und irgendwo in der Gemengelage aus Im-Sommer-Ins-Ausland-Gehen und pubertärem Geplänkel spielte auch das erneut grauenhafte Auftreten des SV Werder eine Rolle.
Es klingelte zur ersten Stunde, und der Fußball war erst einmal beiseite gelegt; es gab Geschichte bei unserem Schuldirektor.
An sich ein netter Mann, aber sehr bedacht auf Hausaufgaben und deren Erledigung, weswegen ich vermutlich damit beschäftigt war, mir etwas aus den Fingern zu saugen und ein leeres Blatt so aussehen zu lassen, als hätte ich was getan.

Es tritt ein – ein freudestrahlender Mann, bester Dinge, und das erste was er sagt ist:
„Guten Morgen Kinners! Wisst ihr, wer neuer Werder-Trainer ist?“ – und so hörten wir von Schaafs neuem Aufgabengebiet.
Natürlich hatten wir vorher schon von ihm gehört, er trainierte ja die Amateure – mit durchaus durchwachsenem Erfolg.
Und der sollte jetzt den Profis beibringen, was Aad de Mos, Dixie Dörner, Wolfgang Sidka und Felix Magath nicht geschafft hatten? Wir waren skeptisch.
Doch unser Lehrer konnte uns beruhigen – und verblüffen: „Thomas Schaaf ist ein Guter, ihr werdet es schon sehen. Der kann was, der war auch hier auf der Schule.“

Wir waren verblüfft – und nach dem 1:0 gegen Schalke (Klassenerhalt!) und dem 5:4 gegen Bayern (Pokalsieg!) auch hoffnungslos verliebt.

Es folgten unzählige spannende, gute, dramatische, unglückliche und vor allem: Thomasschafige Spiele. Die Balance zwischen Angriff und Abwehr passte nie so richtig, aber das war egal, denn selbst bei einem 1:2 gegen Werder in der 89. Minute wusste man: irgendwie machen sie immer eine Bude mehr als der Gegner.

Unter Schaaf blühten Spieler wie Ailton auf (und immer das gleiche Ritual: Thomas Schaaf, der grinsend verkündet, man werde Toni maßregeln, weil er mal wieder zu spät aus dem Urlaub kam), Micoud konnte seine Klasse zeigen, Özil die seine entwickeln, Diego spielte nie besser, Naldo und Merte wurden zu Abwehrtürmen, Frings zum Leitwolf – und selbst so jemand wie Vranjes schien noch irgendwas von Schaaf mitgenommen zu haben, der zur Not auch eine WG mit seinem Abwehrchef macht, weil es „sich anbot“.

Die Doublesaison 2003/2004 war unglaublich. Ausnahmsweise stand die Abwehr felsenfest, und trotzdem schossen die Stürmer munter Tore. Die Mannschaft überrollte den Gegner einfach mit der perfekt funktionierenden Raute; selten hat Fußball mehr Spaß gemacht.

Die höchste Heimniederlage der Bayern? 5:2 gegen Werder.
Wer spielt mit offenem Visier gegen Hoffenheim und gewinnt 5:4? Werder.
Es gibt unzählige Spiele, in denen Werder rauschhaft den Fußball zelebriert hat und man mit offenem Mund dasaß – zeitweise habe ich es vor Herzklopfen kaum ausgehalten, wie beim 1:0 gegen Chelsea in der Champions League beispielsweise.

Unser Schuldirektor hat Recht behalten: Thomas Schaaf war – und ist! – ein Guter.
Auch wenn es die letzten drei Jahre nicht mehr so super lief: er hat „meinen“ SVW geprägt, wie kein anderer – auch wenn ich Otto noch mitbekommen habe. Es waren vierzehn unglaubliche Jahre, größtenteils sehr erfolgreich und spaßig. Es gab auch immer mal Enttäuschungen, aber irgendwie trotzdem immer das Gefühl, Schaaf, Werder, „Wir“ (also die Fans) – das passt.

Diese Zeit ist nun vorbei. Es wird einen neuen Trainer geben, und er wird eine faire Chance bekommen, sich ebenfalls in unsere Herzen zu arbeiten, wie Schaaf.

Doch jetzt ist nur eines wichtig:

Vielen Dank, Thomas Schaaf, für vierzehn Jahre voller „100% Werder“, für tolle Spiele, für die vielen Dinge, die eine Mannschaft, einen Verein besser machen. Die Weser wird seit heute ein bisschen anders fließen.
Vielen herzlichen Dank, und alles erdenklich Gute!
Hoffen wir, dass wir niemals gegen Sie spielen müssen…

Ob ich meine „Hausaufgabe“ damals noch vorgetragen habe, weiß ich nicht mehr.

Über sushey

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