Island 2013 – Das Hochland I (4)

Im Sandsturm

Der Sandsturm wird immer stärker. Ich kann die Piste kaum noch erkennen, die Augen brennen vom Staub, und auch das Atmen wird anstrengend. Der Wind weht uns mit voller Wucht entgegen; so manche Böe wirft uns auf den Rädern hin und her. Wir sind noch nicht mal ansatzweise in der Nähe der Askja – unserem heutigen Tagesziel – doch es geht nicht weiter. Wir lassen die Räder neben der Piste liegen und suchen Zuflucht hinter einem Felsen…

Philippus Verschwindibus

Philippus Verschwindibus

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Dunkle Felsformation

Das Hochland

Das Hochland Islands ist eine ganz besondere Herausforderung. Hier gibt es bis auf wenige Ausnahmen keine Asphaltstraßen; die F910 gilt als schwerste, weil „wildeste“ Piste Islands – der Traum eines jeden Geländewagenfahrers mit schweren Steigungen, einigen Furten, Schwemmlandflächen, Felsen und Lavagestein.
Sie wurde erst eine Woche vor Beginn unserer Reise freigegeben; davor lag noch immer so viel Schnee, dass sie unpassierbar war.

Die Landschaft ist eindrucksvoll und wandelbar: völlig kahl bis spärlich mit Gräsern bewachsen, von Gletscherflüssen durchzogen und trotzdem trocken. Am Horizont sind manchmal Gletscher, immer wieder Hügel und oft auch Berge zu erkennen – wie beispielsweise die „Königin der Berge“ Herðubreið.

Herðubreið - die Breitschultrige

Herðubreið – die Breitschultrige

Die Vulkanasche, die sich anfühlt wie etwas gröberer Sand, ist braun bis schwarz – und befindet sich wohl auch aufgrund des Sandsturmes irgendwann überall – in der Nase, zwischen den Zähnen, in der Kleidung, im Schlafsack, auf den Reißverschlüssen…

Weil es so karg und unwirtlich ist, wurde das Hochland zum Üben der Mondlandung und zum Testen des Marsrovers benutzt.
Und gerade diese Kargheit übt einen unheimlichen Reiz aus; es ist eine einmalige Erfahrung, morgens aus dem Zelt zu schauen, die Stille zu genießen, und der erste Gedanke ist „wir sind auf wohl dem Mond gelandet.“

Mondlandschaft. Nicht im Bild: Apollo 11

Mondlandschaft. Nicht im Bild: Apollo 11

Die Piste

Die Piste ist schwierig bis sehr schwierig – selbst die besseren Stellen sind übersät von Schlaglöchern und „Wellblech“ – durch Autos wellenförmig aufgeschobenen Schotter, der Auto und Fahrrad gleichermaßen durchschüttelt.
Die schlechteren Stellen scheinen mit Autos – egal wie groß und stark – unbefahrbar; Kopfgroße, scharfkantige Lavasteine bilden die Fahrfläche, auf der sich auch noch Felsen mit etwa einem Meter Durchmesser befinden. Es ist Philipp und mir ein Rätsel, wie manche Stellen mit dem Auto zu überwinden sind.
Hier hindurchzufahren, heißt: allem, was groß ist, versuchen auszuweichen; was klein genug ist, über das wird hinweggefahren. Es geht wahlweise steil bergauf oder bergab; die Piste ist nur noch durch die gelben Markierungspfosten erkennbar.

Die Sache mit dem Furten

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Zum Glück sind die Taschen wirklich wasserfest!

Viele der Hochlandpisten haben keine Brücken, was einerseits daran liegt, dass es eben Pisten sind und keine Straßen.
Andererseits wäre es vermutlich schlicht nicht sinnvoll, Brücken durch eine Gletscherlandschaft zu bauen; da sich die Flussläufe ändern, müsste man die Straße hochlegen, um Brücken bauen zu können – ganz zu schweigen von den Schwemmlandflächen.
Somit fließen viele größere und kleinere Wasserläufe über die Piste; für die Autofahrer heißt das: aussteigen, Wassertiefe testen und mit einigermaßen viel Gas gleichmäßig im ersten Gang durchfahren – und für uns Radfahrer – man erkennt es auf dem Photo: absteigen, Hose hochkrempeln, Wasserschuhe an (macht sich besser bei dem steinigen Untergrund) und das Fahrrad hindurchschieben. Das ganze Prozedere ging erstaunlich gut, was vermutlich auch daran lag, dass es recht trocken und kalt war, die Wasserstände also dementsprechend niedrig.
Trotzdem ist das Wasser natürlich eiskalt und entwickelt durch die Strömung auch bei niedrigen Pegeln eine enorme Kraft. Wird es etwas höher, beginnt das Fahrrad zu schwimmen…
Weil der Boden so porös ist und es kaum Vegetation gibt (die Wachstumsphase beträgt vielleicht zwei Monate), kann der Boden kaum Wasser speichern und ist demensprechend bis auf das Schmelzwasser trocken. Mit dem Auto die Piste verlassen, ist verboten: man würde die Spuren nicht nur jahrelang sehen; Wind und Erosion würden auch die Spuren zu tiefen Furchen aushöhlen.

Hinter unserem Felsen haben wir uns mit Müsliriegeln gestärkt; seit ein paar Minuten scheint sich der Wind zu beruhigen. Wir beschließen, uns wieder auf die Fahrräder zu setzen, und in der Tat wird es immer ruhiger, sodass wir verhältnismäßig gut weiterkommen. Am Abend ist es fast windstill, doch die Askja ist noch immer weit entfernt…

Das ist kein Nebel, sondern Sand.

Das ist kein Nebel, sondern Sand.

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Eines der besser befahrbaren Stücke Piste…

Es ist unglaublich still im Hochland, wenn gerade kein Wind weht – es gibt kaum Vegetation und noch weniger Tiere. Auch anderen Menschen begegnet man nur, wenn sie gerade über die Piste fahren; es gab im Schnitt vielleicht zehn Autos am Tag.

Die Autofahrer

Waren Fluch und Segen gleichzeitig. Fluch, weil jedes Auto Staub aufwirbelt, und da sich das Wellblech bei höheren Geschwindigkeiten besser fahren lässt, auch in größeren Mengen.

Ein Segen waren sie allerdings insofern, als dass fast jeder Autofahrer kurz anhielt, um zu fragen, ob wir klarkommen oder Hilfe gebrauchen können. Uns wurden Gummibärchen, Schokolade, Kekse und einmal sogar ein Flachmann gereicht; und auch die aufmunternden Gesten wie Beckerfaust oder hochgereckter Daumen gaben ein kleines Bisschen Extramotivation. Große Klasse!

Gegen Abend überqueren wir einen großen, reißenden Fluss – tatsächlich auf einer Brücke. Das Wasser ist milchig-weiß von den Sedimenten; hier können wir unsere Flaschen wohl nicht auffüllen. Ein Schild weist uns darauf hin, dass wir uns in einem Nationalpark befinden und hier nicht zelten dürfen. Wir wollen aber ja auch weiter…

Keine Sorge, über diesen Fluss führte eine Brücke.

Keine Sorge, über diesen Fluss führte eine Brücke.

... obwohl hier das Furten sicherlich RICHTIG spannend gewesen wäre...

… obwohl hier das Furten sicherlich RICHTIG spannend gewesen wäre…

Wir erreichen die Askja spät nachts und errichten das Zelt auf dem kargen Boden. Morgen wird es eine kleine Wanderung zum Krater hoch geben, und am späten Nachmittag fahren wir dann weiter Richtung Westen. Doch erst einmal bin ich froh, mich endlich schlafen legen zu können.

Auf dem Weg zur Askja

Auf dem Weg zur Askja

...und ja, man kann in der Landschaft verloren gehen.

…und ja, man kann in der Landschaft verloren gehen.

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Mehr Island:
Eine kleine Radtour(1) || Prolog(2) || Fæhre und Færöer(3) || Hochland I(4) || Hochland II(5) || Der „Golden Circle“ (6) Reykjavik (7) || Musik (8) || Westfjorde I (9)

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5 Antworten zu Island 2013 – Das Hochland I (4)

  1. Heike Weineck schreibt:

    Dein Reisebericht ist so toll. Ich will immer mehr lesen. Ich glaube, (nein ich weiß), ich möchte ein Fotobuch über deine Berichte zum Geburtstag. Muß ja gar nicht bis dahin fertig sein, Gutschein wird auch gern genommen. Und ich freu`mich riesig, daß Ihr gesund und munter wieder da seid. LG Mama

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  2. Pingback: Island 2013 – eine kleine Radtour (1) | milchmithonig.de

  3. Pingback: Island 2013 – das Hochland II (5) | milchmithonig.de

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  5. Pingback: Island 2013 – Reykjavík (7) | milchmithonig.de

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