Island 2013 – das Hochland II (5)

„I have talked to the weather service. You should get out of here as fast as you can, there is a big storm coming from the north.“

Hüttenhopping

Es gibt entlang der F910 und später der F26 – auch „Sprengisandur“ genannt – drei Hütten – Dreki an der Askja, eine Nothütte in Kistufell und eine reguläre Hütte in Nýidalur.

Dreki – Kistufell

Zwischen Dreki und Kistufell liegt nicht nur eine lange, sandige Schiebestrecke, sondern es gibt auch vier Schwemmlandflächen zu überqueren. Man kann sich diese Flächen ein wenig vorstellen wie das Wattenmeer. Relativ sandig, aber da der Sand feucht ist, recht fest. Es gibt viele kleine „Priele“ bzw. angedeutete Flussläufe; schmilzt der Gletscher ab – was im Laufe des Tages geschieht, wenn es wärmer wird – dann fließt das Gletscherwasser durch diese Schwemmlandflächen und füllt sie mit Wasser. Ist man wie wir mit dem Fahrrad unterwegs, empfiehlt es sich also, diese Flächen möglichst früh zu durchqueren.

Man kann unsere Reifenspuren noch erkennen: hier sind wir gerade eben doch noch durchgefahren...

Man kann unsere Reifenspuren noch erkennen: hier sind wir gerade eben doch noch durchgefahren…

"Gipfelfoto": wir haben die Schwemmlandflächen erfolgreich durchquert.

„Gipfelfoto“: wir haben die Schwemmlandflächen erfolgreich durchquert.

Der Weg nach Kistufell dürfte auch den Autofahrern starke Kopfschmerzen bereiten – unmittelbar nach dem Schwemmland steigt die Piste stark an und führt über extrem felsiges Gelände. Die Lavasteine sind spitz und sehr scharf – es ist erstaunlich, dass wir uns nicht die Reifen aufgeschlitzt haben.

Die Streckenführung scheint ... sportlich zu sein.

Die Streckenführung scheint … sportlich zu sein.

Kistufell. Wir kamen quasi aus der Bildmitte und fahren nach links weiter.

Kistufell. Wir kamen quasi aus der Bildmitte und fahren nach links weiter.

Nach einem anstrengenden und spannenden Tag übernachten wir in Kistufell. Die Hütte selber ist offiziell nur eine Notunterkunft und darf nicht „unnütz“ benutzt werden. Da man aber als Radfahrer im Hochland generell als Notfall angesehen wird, machen wir uns keine weiteren Gedanken.
Die vielen, vielen Einträge von Radfahrern und Wanderern im Hüttenbuch bestätigen uns darin.
Es ist sehr gemütlich; den Ofen lassen wir zwar aus, aber Betten und Fellhausschuhe tun ihr Bestes. Ich schreibe Reisetagebuch, während Philipp den Geocache in der Nähe hebt.
Wir wollen am nächsten Morgen früh los und gehen dementsprechend früh ins Bett; wie eigentlich immer auf der Tour hat keiner von uns beiden Probleme, einzuschlafen.

Kistufell – Nýidalur

Die Strecke von Kistufell nach Nýidalur führt über ein bergiges, steiniges Stück, auf dem die Piste nur noch durch die gelben Begrenzungspfosten erkennbar ist, hinein in die Gaesavatn („Gänsewasser“).

Zwischen Kistufell und Nyidalur - das Hochland gibt nochmal alles

Zwischen Kistufell und Nyidalur – das Hochland gibt nochmal alles

In diesem Abschnitt gibt es einige Furten, die allerdings in unserem Fall recht wenig Wasser führten, da es kalt und trocken war – die Piste selber verläuft wieder etwas „gemäßigt“ und ihr Verlauf ist deutlich erkennbar.
Schließlich erreichen wir das Ende der F910; wir haben sie tatsächlich in voller Länge durchfahren! Nun geht es auf der F26 weiter in Richtung Nýidalur.

Kreuzung F910 / F26

Kreuzung F910 / F26

Man lese das Kleingedruckte...

Man lese das Kleingedruckte…

Kurz vor Nýidalur gibt es eine besonders tiefe Furt; normalerweise ist das Wasser etwa hüfthoch und transportiert aufgrund der starken Strömung gerne auch größere Steine, die ernsthafte Verletzungen/Schäden am Rad verursachen können.
Auch hier haben wir aufgrund des Wetters Glück; die Furt ist tiefer als die anderen, es ist aber kein Problem, sie zu durchqueren.

In Nýidalur

Wir wärmen uns noch ein bisschen in der großen, gemütlichen Küche auf. Die Handschuhe trocknen auf dem Dieselofen; das Geschirr ist gewaschen und eingepackt. Die Anderen stehen gerade erst auf. Auf dem Weg nach draußen begegnen uns die Spanier, die uns beide den erhobenen Daumen zeigen und „You are heros“ zurufen, als wir im Regen auf unsere Räder steigen.

Nach der letzten Furt sind wir in Nýidalur angekommen. Die große Holzhütte ist sehr einladend und gemütlich; nachdem die Rangerin sich etwas an uns gewöhnt hat, zeigt sie sich als sehr herzlicher Mensch. Wir dürfen duschen, so lange und heiß, wie wir wollen, in der Küche steht ein Kessel heißen Wassers, an dem wir uns bedienen dürfen, und sie ruft den Wetterdienst an – mit dem Ergebnis, dass wir zusehen sollen, vor dem Sturm aus dem Hochland zu kommen.
Später am Abend erreichen zwei völlig durchnässte und frierende Spanier die Hütte; sie kamen aus der Richtung, die wir morgen einschlagen wollen.
Wir verbringen den Abend damit, mit den nun immer zahlreicher werdenden anderen Abenteurern zu quatschen, die Regenbögen zu bewundern, die stark leuchtend den Regen vergessen machen – und gehen abermals früh ins Bett, morgen wartet ein ordentliches Stück Strecke.

Sprengisandur

Die Sprengisandur ist für eine Hochlandpiste gut befahrbar. Größtenteils besteht sie aus feinem bis grobem Kies und entspricht damit in etwa einem schlechten Waldweg in Deutschland. Sie wird auch mit Autos und Bussen viel befahren, was zum sogenannten „Wellblech“ führt: Schotter, der wellenförmg aufgeschoben wird.

Kurz nach Nýidalur

Kurz nach Nýidalur

Ich fühle mich nicht sonderlich heroisch. Der Wind kommt in der Hauptsache von vorn, es gibt immer wieder Steigungen, und viel, viel Wellblech. Ich bin nicht gut drauf. Zusätzlich zum Gefühl, Philipp aufzuhalten – ich habe viel über Steigungen dazugelernt, aber der Wind macht mir noch immer zu schaffen – kommt die eigene Erschöpfung, und auch ein bisschen Müdigkeit im Kopf. Die F910 hat unterschiedliche Herausforderungen geboten, auf der Sprengisandur wird man durchgeschüttelt, zurückgeweht, gebremst. Ich wünsche mir einen einzigen Moment, in dem ich nicht das Gefühl habe, gegen alles kämpfen zu müssen – und muss am Ende doch kapitulieren. Nach knapp 100 Kilometern ist Schluss. Unser Ziel, die Asphaltstraße zu erreichen, verpassen wir um 14 Kilometer.

Typisch isländischer Bach

Typisch isländischer Bach

Die Aussicht auf der Sprengisandur ist phantastisch. Die Landschaft ist hügelig; mehrere Gletscher säumen das Gebiet. Nicht nur hier ist das Wolkenspiel unvergleichlich. Es gibt immer wieder neue Wolkenformationen, die sich in Form, Farbe und vermutlich auch Entstehung unterscheiden. Man kann erkennen, ob eine Wolke an einem Berg „hängengeblieben“ ist und sieht Wetteränderungen lange im Voraus.

Blick von der Sprengisandur

Blick von der Sprengisandur

Aufgrund der Gegebenheiten ist es allerdings auch stets windig – der schwarze Sand erwärmt sich schneller, als der weiße Gletscher, die warme Luft steigt auf, kalte Luft strömt vom Gletscher nach. Wir haben festgestellt, dass man im Hochland sehr früh oder eher spät besser fahren kann, weil dann tendenziell weniger Wind weht.

Wir schlagen unser Zelt am Þórisvatn auf – einem eindrucksvollen, milchigen Stausee. Ich bin für heute bedient; nach dem Essen braucht es nur noch Augenblicke, bis ich in einen tiefen Schlaf falle.

Mehr Island:
Eine kleine Radtour(1) || Prolog(2) || Fæhre und Færöer(3) || Hochland I(4) || Hochland II(5) || Der „Golden Circle“ (6) Reykjavik (7) || Musik (8) || Westfjorde I (9)

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2 Antworten zu Island 2013 – das Hochland II (5)

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