Island 2013 – Der „Golden Circle“ (6)

…und raus aus dem Hochland

Wir befinden uns etwa drei Kilometer von Flúðir entfernt auf einem Feldweg, umgeben von grünen Hügeln und den allgegenwärtigen Schafen. Langsam glauben wir, dass die Franzosen – und damit auch wir – hereingelegt wurden, denn wir können weit und breit keine heiße Quelle erkennen.

Als wir am nächsten Morgen die vierzehn Kilometer bis zum Asphalt gemacht haben, ändern sich die Bedingungen sehr schnell. Die Straße ist nun nicht mehr so hügelig; im Großen und Ganzen geht es jetzt bergab. Die unterschwellige Befürchtung, nach dem gestrigen KO würde es auch heute anstrengend werden, bestätigt sich zum Glück nicht.

Flúðir

Unser (vorläufiges) Tagesziel lautet „Flúðir“ – ein Ort, laut Reiseführer so ruhig und bescheiden, dass im Zweiten Weltkrieg hier wichtige Dokumente versteckt wurden. Wir gehen hier einkaufen und suchen entsprechend eines Tipps, den uns zwei französische Radler gegeben haben, nach einer heißen Quelle ganz in der Nähe.

Heiße Quellen
„Franzosen trifft man im Cafè, Engländer im Pub, Isländer im Schwimmbad“, weiß unser Reiseführer. Und es scheint etwas Wahres dran zu sein, denn aufgrund der thermalen Aktivität eines Großteils Islands gibt es in fast jedem noch so kleinen Ort ein Schwimmbad; mit etwas Glück findet man auch eine rustikalere heiße Quelle – meist einfache Becken mit einer Hütte zum Umziehen, welche direkt mit heißem Quellwasser gespeist wird.

Noch halten wir das Ganze für einen Scherz...

Noch halten wir das Ganze für einen Scherz…

Und so ist es auch bei uns: nachdem wir ein Hinweisschild gefunden hatten, das uns sagte, wir sollen doch bitte umkehren und 700 Meter weiter vorn suchen, finden wir schließlich hinter einem Hügel mitten auf einer Schafswiese eine kleine Hütte – und daneben ein Steinbecken, aus dem Dampfschwaden aufsteigen.

Ist das Wasser wirklich warm?

Ist das Wasser wirklich warm?

Nach kurzer Fußprobe entledigen wir uns schnell der Klamotten und befinden uns die nächsten zwei Stunden im Himmel – das haben wir uns nach den Strapazen im Hochland auch verdient, finden wir.

... doch das Gegenteil ist der Fall!

… doch das Gegenteil ist der Fall!

Philipp photobombt sich selber...

Philipp photobombt sich selber…

Hotel Gullfoss

Es ist mittlerweile richtig dunkel. Das kurze Stück Piste haben wir hinter uns gelassen; laut GPS sollte es hier irgendwo zumindest das „Hotel Gullfoss“ geben, vielleicht können wir da unser Zelt aufschlagen.

Nach zwei Stunden im Becken haben wir langsam genug. Es geht uns so gut, dass wir beschließen, bis nach Gullfoss zu fahren, um dort frühmorgens Fotos machen zu können, bevor allzu viele Touristen dort aufschlagen.
Zufälligerweise kommen gerade die Franzosen vorbei und übernehmen unsere Plätze im heißen Wasser; wir machen uns auf zu Islands berühmtesten Wasserfall.

Es ist etwa halb Eins, als wir Lichter sehen. Ein Hinweisschild bestätigt unsere Vermutung: es ist das Hotel Gullfoss. Macht uns noch jemand auf? Können wir dort irgendwo schlafen?
Ich drücke die Klinke des Haupteingangs herunter – die Tür geht auf! Kaum bin ich eingetreten, kommt eine sehr freundliche Mitarbeiterin in unserem Alter, und ich erkläre unsere Lage. Wir waren mit dem Rad unterwegs, suchen nach einer Möglichkeit, unser Zelt aufzuschlagen, obs möglich wäre…

Gastfreundschaft wird in Island groß geschrieben. Nicht nur, dass das Jedermannrecht gilt – man darf überall Zelte aufschlagen, so lange das Land nicht eingezäunt ist – sobald die Isländer ein bisschen auftauen, sind sie sehr freundlich und hilfsbereit. Ein Wanderer, den wir kurz vor Ende trafen, erzählte uns, er habe mitten in Reykavík bei einem Privathaus geklingelt und gefragt, ob er im Garten zelten dürfte – was die etwas perplexen Bewohner dann auch gestattet haben.

Wir durften an diesem Abend etwas abseits des Hotels in einer kleinen Mulde zelten, und weil der Boden von Heide und Moosen bedeckt war, haben wir nie weicher geschlafen…

Der „Golden Circle“

Bereits am Morgen regnet es – und es wird auch so schnell nicht aufhören. Zwar betonen Wetter- und Rettungsdienst immer wieder, das isländische Wetter könne sich schlagartig ändern – der Regen bleibt.

Vielleicht liegt es am Wetter, gewiss ein bisschen daran, dass wir gerade aus dem Hochland kommen – der „Golden Circle“ – also die Sehenswürdigkeiten Gullfoss, Geysir und Þingvellir – erweisen sich als die am wenigsten spannenden Dinge, die wir in Island gesehen haben.
Der Gullfoss ist mit Sicherheit ein sehr eindrucksvoller Wasserfall, und seine Geschichte nicht minder interessant. So heißt er „Gullfoss“, weil er bei Sonnenuntergang golden leuchtet. Der Bauer, dem er einst gehörte, nannte ihn seinen „Freund“ – und hat ihn nach langem Drängen schließlich doch verkauft. Seine Tochter, damit gar nicht einverstanden, kämpfte gegen die Pläne, ein Wasserkraftwerk aus dem Gullfoss zu machen – mit Erfolg. Noch heute kündet eine Gedenktafel von dieser Heldentat.

Der Gullfoss. Nicht im Bild: schönes Wetter

Der Gullfoss. Nicht im Bild: schönes Wetter

Der Zugang zum Wasserfall ist mit Plastikbohlen ausgelegt, die so tun, als seien sie aus Holz. Von einer Horde ignoranter Touristen von diesen Bohlen gedrängt werden, als sie busladungsweise auf den Wasserfall zustampfen, steht im völligen Kontrast zur Einsamkeit des Hochlandes.
Ich fühle mich hier fremd und fehl am Platze; ich bin zwar selber Reisender, aber diese Art von Tourismus sagt weder Philipp, noch mir zu.

Geysir

Wir fahren also die zehn Kilometer nach Geysir, dem Ort, nach dem auch die Wasserfontänen benannt sind.

Es ist spannend, das Wasser fauchend nach oben spritzen zu sehen, und auch ein bisschen lustig, wie einzelne Touristen, die sich zu weit vorwagen, nass werden – aber weitaus mehr Zeit als an den Fontänen verbringen wir nebenan im Touristenshop/Imbiss/Tankstelle, um uns zu trocknen und auf besseres Wetter zu warten.

Das gibt es nur bedingt, also fahren wir weiter nach

Þingvellir

Auf dem Weg dorthin treffen wir zufällig Ulli und Santa Claus; wir hatten sie ja auf der Fähre und später in Tórshavn getroffen und uns mit ihnen unterhalten. Ulli will bei dem strömenden Regen nicht aus dem Auto aussteigen, bietet uns aber Kekse an. Alfo Kekfe. Alfo Krüml. Ihr wifft fon…

Die Straße durch den Nationalpark...

Die Straße durch den Nationalpark…

Der Wind ist zeitweise recht stark, was den Regen natürlich nicht angenehmer macht. Dafür wandelt sich die Landschaft: vor uns liegt ein riesiger Naturpark mit viel Buschwerk, also viel Grün.

...und der Park selber.

…und der Park selber.

...leider war das Wetter eher nicht so einladend.

…leider war das Wetter eher nicht so einladend.

Þingvellir hat wenigstens große geschichtliche Bewandnis. Hier kam über viele, viele Jahre das Thing zusammen, also eine Versammlung aller Häuptlinge, bei der über Recht und Unrecht entschieden und auch gerichtet wurde. Diese Versammlungen hatten vermutlich jahrmarktähnliche Züge, und so brauchte man einen Ort, der viel Platz bot. Þingvellir ist also eigentlich weniger ein einzelner Ort, als mehr ein großes Tal, in dem es Hütten, Höhlen und den Gesetzeshügel gab.
Geologisch ist der Ort auch sehr interessant; hier treffen die eurasische und die amerikanische Kontinentalplatte zusammen und driften im Schnitt um die 40 Zentimeter im Jahr auseinander. Und das sieht man der Gegend auch an, sie sieht ein bisschen aus, wie auseinandergezogen, durch den Reißwolf gedreht, zerbrochen.

Wir campen direkt an der Touristeninformation, und im Gegensatz zu den teuren Preisen in der Info, ist hier alles inklusive: Kochstelle, heiße Dusche, Waschmaschine, Trockenraum. Ein wahres Paradies!

Mehr Island:
Eine kleine Radtour(1) || Prolog(2) || Fæhre und Færöer(3) || Hochland I(4) || Hochland II(5) || Der „Golden Circle“ (6) Reykjavik (7) || Musik (8) || Westfjorde I (9)

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2 Antworten zu Island 2013 – Der „Golden Circle“ (6)

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