Island 2013 – Reykjavík (7)

Während es draußen regnerisch und kühl ist, sitze ich im warmen Café und schreibe an der zwanzigsten Postkarte. Philipp ist im maritimen Museum; sicherlich wäre es interessant gewesen, mitzugehen, aber mir waren die Postkarten wichtiger, und ich denke auch darüber nach, wie man die Erlebnisse der Reise später in Schriftform bringen und vor allem jetzt ein kleines Update schreiben kann. Es wäre witzig, mit den Postkarten eine fortlaufende Geschichte zu erzählen, das würde auch die Empfänger untereinander in Kontakt bringen…na bei der nächsten Reise vielleicht.

Hallgrimskirkja und Leif Eriksson - oder: Das Christentum und der Heide

Hallgrimskirkja und Leif Eriksson – oder: Das Christentum und der Heide

Die nördlichste Hauptstadt der Welt

Reykjavík hat den Beinamen „nördlichste Hauptstadt der Welt“, was – wenig überraschend – ihrer Lage geschuldet ist. Sie ist das politische und kulturelle Zentrum Islands; ein Drittel der Einwohner lebt hier.
Weil sie weniger eine einzelne Stadt als vielmehr eine weitläufige Ansammlung von Stadtteilen ist und trotz ihrer Größe alle Dinge anbietet, die es in den richtig großen Hauptstädten auch gibt, ist sie eine gemütliche Kleinstadt mit Großstadtflair – oder eine Großstadt mit Kleinstadtflair, je nachdem, wie man die Sache sehen möchte.

Auf unserer Reise sollte Rekjavik als Bindeglied zwischen den Erlebnissen im Hochland und den als Nächstes anvisierten Westfjorden fungieren, doch schon die Ankunft am Zeltplatz fühlt sich ein bisschen an, wie ein Klassentreffen:

Das Klassentreffen

„You are true heroes. So strong!“ begrüßt uns der Spanier überschwänglich, und auch die Franzosen freuen sich, uns wiederzusehen. Nach 50 Kilometern in Regen und Hagel sowie bei böigem Gegenwind fühle ich mich nicht besonders heroisch; unterschwellig deuten sich Kopfschmerzen an – und auf dem Zeltplatz ist viel Trubel, was sich nach den Tagen der Einsamkeit merkwürdig anfühlt.

Sowohl Spanier als auch Franzosen beichten uns, dass sie auf Teilstrecken mit dem Auto mitgenommen wurden – was ihre Begeisterung für unser Durchhaltevermögen erklärt und uns schon ein bisschen stolz macht.
Auch D und A, die wir auf der Fähre kennengelernt haben und die im Bulli umherfahren und jeweils kleinere und größere Wanderausflüge machen, sind beeindruckt.
Sie überreden uns, mit in die Stadt zu kommen, es sei schließlich Freitag Abend, da müsse man feiern.

Es ist also Freitag! Schon im normalen Alltag weiß ich quasi nie das Datum, und auch der Wochentag definiert sich meistens über die Aufgaben. Seit wir die Fähre verlassen haben, war mir beides herzlich egal. „Ereigniszeit“ nennt die Forschung es, wenn man nicht nach Tagen, sondern Ereignissen lebt. Sehr sympatisches Konzept.

Bier und Kreditkarten

Das Nachtleben in Reykjavik – weiß unser Reiseführer – ist bestimmt vom „Kneipenhopping“. Touristen wie Einheimische ziehen von Kneipe zu Kneipe, von Club zu Club, und um Überfüllungen zu vermeiden, gibt es überall – freundliche – Türsteher.
Wir treffen uns also mit D und A in einer kleinen Kneipe auf ein Bierchen – die Kopfschmerzen haben sich mit dem Essen zum Glück verzogen.

Große Kartoffeln für große Jungs

Große Kartoffeln für große Jungs

D würde gerne Livemusik hören, und so gehen wir weiter, bis wir irgendwo eine Coverband finden. Die sind am Ende ihres Gigs, und so ziehen wir nach zwei, drei Liedern weiter. Es sind wahnsinnig viele Menschen unterwegs; die Stimmung ist ausgelassen und friedlich.

An sich hatte ich nur drei Biere, die ich nach der Abstinenz allerdings deutlich spüre. Die DJs in diesem Laden spielen ein merkwürdiges Durcheinander an Musik, es ist knallvoll, A wurde bestimmt schon zum fünften Mal angebaggert, ein Mädel neben mir sucht nach ihrer Kreditkarte – die auf dem Boden neben ihr liegt – was der Typ, der sie abschleppen will, aber nicht kapiert. Ich reiche ihr die Kreditkarte und sie flirtet dankbar weiter.

Im Grunde gibt es in Reykjavik nur eine große Straße, auf der gefühlt das gesamte Stadtleben passiert. Diese Straße durchqueren wir am nächsten Tag noch mal im Hellen; statt Kneipen stehen nun allerdings Musikläden, Outdoorläden und Buchhandlungen (Postkarten…) auf dem Programm.

Die Rauchbucht, nach der Reykjavík benannt ist. Heute wohl eher Diesig-Javík

Die Rauchbucht, nach der Reykjavík benannt ist. Heute wohl eher Diesig-Javík

12tonar

Der 12tonar liegt ein Stückchen abseits in Richtung der großen Kirche. Nachdem wir die Erkundungstour beendet haben, werden wir die nächsten Stunden hier verbringen, den leckeren Espresso trinken, der uns schon beim Hereinkommen angeboten wurde, und viel, viel Musik hören.
Leider gibt es im 12tonar kein Livekonzert, aber der Verkäufer gibt uns den Supertipp, doch ein paar Kilometer weiter in den Nachbarort zu fahren, wo es ein Gratiskonzert von Of Monsters And Men geben wird.
Vorher flätzen wir uns allerdings in die bequemen Sofas und füttern die CD-Player mit allem, was der Laden hergibt. Nächsten Samstag gibts dazu mehr.

Espresso, Musik, Sofa.  12tonar.

Espresso, Musik, Sofa.
12tonar.

Of Monsters And Men

Die so pummelig wie aufgeregt wie offiziell aussehende Dame auf der Bühne scheint langsam Gefallen daran zu finden, ihre 15 Minuten des Ruhms auszukosten. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, so gut wie nichts von dem zu verstehen, was sie sagt, und ich entziehe mich dem Drang der Masse, an offensichtlich lustigen Stellen mitzulachen, sondern schaue mich lieber um. Die Wiese ist ganz schön voll geworden; es sind einige Tausend Menschen hier.

Nach einer leicht abenteuerlichen Fahrt, die uns unter Anderem quer über einen Golfplatz führt, stehen wir mitten auf einer Wiese. Es gibt eine Bühne, Dixie-Klos, ein paar Buden – und Das. War. Es.
Keine Security, kein Abtasten, keine Paranoia, einzig die reine, positive Stimmung. Warum sowas nicht in Deutschland funktioniert, ist mir ein Rätsel. Ein paar Zuschauer sind schon da; es beginnt zu nieseln.

Wiese, Bühne. Im Original viel, viel größer. Beides.

Wiese, Bühne. Im Original viel, viel größer. Beides.

Im Laufe des Abends werden wir vier Bands sehen, deren nähere Beschreibung ich mir hier spare, denn das kommt nächsten Samstag.

Alles in Allem war es ein tolles Konzert und ein großartiges Geschenk, das die Band ihrer Heimatstadt gemacht hat. Die Stimmung war toll, die Musik ebenfalls, die Lichtshow auch.

Hide Your Kids

Ebenso junge, wie sympatische Band mit frischem Indiepop.

Nicht im Bild: der engagierte Schlagzeuger

Nicht im Bild: der engagierte Schlagzeuger

Moses Hightower

Wirke eher ruhig, als groovy, und damit für dieses Konzert etwas lahm. Ich könnte mir vorstellen, dass die Musik auf CD besser funktioniert, als live.

Schwierig, die Band zu fotografieren, schwierig die Musik zu genießen.

Schwierig, die Band zu fotografieren, schwierig die Musik zu genießen.

Mugison

und seine Band hingegen haben richtig Stimmung gemacht und uns blendend unterhalten.

Man glaubt es kaum, aber dieser Waldschrat kann auch Metal auf seiner Klampfe...

Man glaubt es kaum, aber dieser Waldschrat kann auch Metal auf seiner Klampfe…

Der Schlagzeuger ist eine Extraerwähnung wert, der machte nämlich ne ganze Menge Faxen und war zu allerlei Schabernack aufgelegt.

Of Monsters And Men

dann war es so weit: die Anlage wurde ein bisschen lauter gedreht, die Lichter zum Einsatz gebracht, die volle Bühne genutzt. Auftritt der Gastgeber, der sehr viel Spaß gemacht hat.

Of Monsters and Nebel

Of Monsters and Nebel

Bis heute ist unklar, wer wirklich zur Band gehört, und wer nur zufällig rumstand, als sie anfingen.

Bis heute ist unklar, wer wirklich zur Band gehört, und wer nur zufällig rumstand, als sie anfingen.

Hier ist ein Link zu einem tollen (Photo)blog, das ich gefunden habe, als ich nach Berichten über das Konzert gesucht habe:
An American in Iceland

Mehr Island:
Eine kleine Radtour(1) || Prolog(2) || Fæhre und Færöer(3) || Hochland I(4) || Hochland II(5) || Der „Golden Circle“ (6) Reykjavik (7) || Musik (8) || Westfjorde I (9)

Über sushey

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13 Antworten zu Island 2013 – Reykjavík (7)

  1. Hannah Ezra schreibt:

    That Of Monsters & Men show & Co. was so good. Mugison was my favorite, but I really liked Moses Hightower too.

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    • sushey schreibt:

      It has been a real treat for us, as we came down from the high land on our bikes the day before.
      Have you been to the 12tonar in Reykjavik? It is a fine record shop where you get an espresso – if you like – and can listen to basically everything they have on the shelves.
      I enjoyed Mugison a lot, too. Did not expect that when I saw the guitars and the men with beards.

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      • Hannah Ezra schreibt:

        I walk past 12 Tonar all the time, but I’ve never actually been in. I’m too afraid of accidentally spending all my money on great cd’s. I’ll have to go in next time I walk by.

        It’s funny, because I had seen Mugison perform a more folky solo act in a tiny barn in the Westfjords earlier in the summer, so I was not expecting such an intense performance, but if was great to see both sides of his music.

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