Island 2013 – von Akureyri nach Myvatn (12)

Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass wir beim Erreichen größerer Städte grundsätzlich Mistwetter haben. Wir kämpfen uns über die Öxnadalsheiði, also den Pass, der uns nach Akureyri bringen soll – der „Hauptstadt des Nordens„. Es regnet enthusiastisch vor sich hin, während wir mehr Probleme mit dem Wind haben: starke Böen, die immer wieder ihre Richtung ändern, machen unseren Ritt zu einem nicht gerade ungefährlichen Unterfangen – aber die Autofahrer sind mindestens ebenso aufmerksam wie wir. Als wir oben sind und die restlichen etwa 40 Kilometer mehr oder minder rollen können, wird es langsam wieder trocken. Wir haben weit Schlimmeres erlebt.

Düstere Felsenformation

Düstere Felsenformation

Wir sind mehr oder minder durch Akureyri durchgerauscht; nachts angekommen, wollten wir eigentlich eine weitere Nacht bleiben und dann weiterfahren. Da wir nach dem Ausschlafen am nächsten Tag aber ein wenig rastlos sind, beschließen wir, nach dem Besuch der hübschen Innenstadt (Postkarten! Internet! Kuchen!) das schöne Wetter zu nutzen und nach Húsavík weiterzufahren.

Húsavík
Auf dem Weg nach Húsavík ist unser größtes Problem abermals der Wind, dessen starke Böen uns immer mal wieder zu schaffen machen. Den gößten Teil des Weges allerdings fahren wir in den Nordosten, sodass der südwestliche Wind uns in die Karten spielt. Uns fällt auf, dass es langsam, aber sicher Herbst wird; waren die Westfjorde noch vom satten Grün geprägt, mischen sich hier Rot, Braun und Gelb in die Vegetation.

Es wird Herbst

Es wird Herbst

Die Holzgestelle im Vordergrund dienen dem Trocknen von Fisch; der Schnee war gestern noch nicht da...

Die Holzgestelle im Vordergrund dienen dem Trocknen von Fisch; der Schnee war gestern noch nicht da…

Húsavík selbst ist eine kleine Stadt im Norden Islands, die sehr stark von der Fischerei geprägt ist und heutzutage – wie mehr und mehr Orte – stark vom Tourismus abhängig ist. Aufgrund von schlechtem Wetter bleiben wir zwei Tage dort und besichtigen unter Anderem das lohnenswerte Walmuseum. Auf dem Campingplatz treffen wir eine ganze Reihe anderer Touristen, die viele interessante Geschichten zu erzählen haben – die Küche wird zum Gemeinschaftsraum.

Stilechte Leseecke im Museum

Stilechte Leseecke im Museum

Schiffe im Hafen von Húsaík

Schiffe im Hafen von Húsaík

Nach diesem Abstecher in den Norden fahren wir wieder in den Südosten, wieder zurück auf die 1.

Mỳvatn
Schaut man sich eine Dokumentation über Island an, so darf auf keinen Fall eine Einstellung fehlen, die blubbernde, kochende Schlammlöcher zeigt.
Diese Aufnahmen stammen alle aus der Gegend um Mỳvatn – eines großen Sees mitten in einer stark geothermisch aktiven Region.
Als wir durch die Lavafelder zum See fahren, wirkt die gesamte Landschaft so, als hätten gewaltige Hände eine noch gewaltigere Tafel dunkler Schokolade genommen, in abertausende Stücke zerbrochen und wahllos wieder hingeworfen.

Der Mývatn, von Dimmuborgir aus gesehen

Der Mývatn, von Dimmuborgir aus gesehen

Wir parken Zelt und Fahrräder; Philipp kümmert sich um seinen kaputten Schalthebel, während ich einen rudimentären Einkauf mache.
Im Anschluss wollen wir nach Dimmuborgir und albern dort ein bisschen herum. Insbesondere in der Dämmerung kann ich mir gut vorstellen, dass hier Trolle ihr Unwesen treiben – zumindest sieht mancher Felsen erstaunlich lebendig aus…

Dimmuborgir...

Dimmuborgir…

...mystische Gestalten...

…mystische Gestalten…

...und schräge Vögel...

…und schräge Vögel…

...mit Fahrrädern!

…mit Fahrrädern!

Die heiße Quelle, welche eigentlich das heutige Programmhighlight sein sollte, existiert zwar, darf aber nur betreten, nicht bebadet werden. Schade. Dafür nehme ich eine lange Dusche, die deutlich nach faulen Eiern riecht – das Wasser kommt eben direkt aus den heißen Quellen.

Auch wenns leicht schaurig ist: wir hätten gerne hier gebadet!

Auch wenns leicht schaurig ist: wir hätten gerne hier gebadet!

Man kann sich leicht vorstellen, dass hier drunter ordentlich was los ist.

Man kann sich leicht vorstellen, dass hier drunter ordentlich was los ist.

Männer, die auf Schlamm starren
Am nächsten Tag feiern wir zunächst Philipps Geburtstag (in Ermangelung eines Kuchens gibts die Geburtstagskerze im Porridge) – und starren dann auf Schlamm.
Der nach faulen Eiern stinkt.
Und kochend heiß ist.

Vulkan(Miniatur), Sascha(Standardausführung)

Vulkan(Miniatur), Sascha(Standardausführung)

Überall zischt, faucht und spuckt es, und man muss ein bisschen aufpassen, wohin man tritt. Während ich das Gefühl habe, dass zuhause die Erde tief und fest schläft, hat man hier den Eindruck, der Boden schlummere nur, und man könnte ihn aufwecken, würde man nur fest genug auftreten.

Kochend heißer, nach Pups riechender Schlamm

Kochend heißer, nach Pups riechender Schlamm

Als wir wieder loswollen, stellen wir fest, dass einige Teile am Fahrrad die Gelegenheit genutzt haben, um spontan im Schwefeldampf zu oxidieren. Chemie in Action

Riders on the Storm
Nach Myvatn befinden wir uns im „zivilisierten“ Teil des Hochlandes – auf Asphalt, entlang der 1.

Rechts: Schlamm. Bildmitte, nach oben weg: unsere Straße

Rechts: Schlamm. Bildmitte, nach oben weg: unsere Straße

Langsam schließt sich auch dieser große Kreis; wir kommen unaufhaltsam zurück an den Anfang, und damit auch das Ende der Reise.
Unser heutiges Tagesziel heißt Möðrudalur. Dort gibt es die höchstgelegene Farm Islands, sowie einen wunderschönen Campingplatz – auf dem wir nie zelten werden, aber das wissen wir ja noch nicht.
Um dort hin zu kommen, müssen wir noch mal ein bisschen Piste fahren. Möðrudalur liegt an einem alten Ast der 1, der nie asphaltiert wurde. Dafür ist die Piste gut in Ordnung und lässt sich angenehm fahren.
Der kleine Hof mit Café ist wirklich schnuckelig. Die grasgedeckten Häuschen, die Hügel, der klare, blaue Himmel – alles wirkt ein bisschen, als würde gleich ein Hobbit um die Ecke kommen, oder Gandalf mit seiner Pfeife.

Eigentlich wollten wir hier das Zelt aufschlagen... nicht im Bild: der nahende Sturm.

Eigentlich wollten wir hier das Zelt aufschlagen… nicht im Bild: der nahende Sturm.

Es ist um 17 Uhr, als wir einchecken, und ich bin gerade im Begriff, für die Übernachtung zu zahlen, als die Mitarbeiterin meint, sie würden aufgrund des Sturms das Wasser abstellen. Ob wir nicht lieber ein festes Bett wollten?
Ach nö, sagen wir, wir machen uns den Wassersack voll, dann geht das schon. Ob uns denn wirklich bewusst sei, dass ein Sturm komme, mit heftigem Wind und Schnee und so weiter.
Äh, nee, aber erzähl doch mal. Philipp und ich sind jetzt doch interessiert, und der Wetterbericht ist interessanter: da ist hinter uns was richtig Fettes im Anmarsch, und um den 15. September herum gab es auch letztes Jahr schon einen Sturm, der drei Meter Schnee mitbrachte – und so schnell kam, das 10.000 Schafe erfroren bzw. ertrunken sind.
Unser Entschluss steht schnell fest: wir essen jetzt etwas Ordentliches, und dann machen wir die 100 Kilometer bis nach Egilsstaðir noch heute Nacht.

Gesagt, getan, gegessen – und los. Es gab leckeren Kartoffelbrei mit Pemmikan.

Die Gegend um Möðrudalur ist sehr schön; das Hochland hat seine ganz eigenen Farben und Farbstimmungen. Im Reiseführer ist die Gegend als „deprimierend dunkel“ und leer beschrieben – finde ich nicht. Es ist karg und dunkel, ja – aber eben auch faszinierend.

Riders on the storm...

Riders on the storm…

...wunderschön!

…wunderschön!

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, nach Tausenden von Kilometern, unzähligen Erlebnissen, nach Reykjavik, Glymur, Dynjandi, den Westfjorden, nach drei Wochen, wieder hier zu sein. Klar, wir sind in Kreis gefahren, weil wir ja wieder zur Fähre zurück wollen, aber im Kopf sind die Orte und Erlebnisse des Hochlandes unendlich weit fort; und nun kommen wir bis auf 20 Kilometer an Brú vorbei. Ich weiß genau, wie es dort aussieht, was wir dort erlebt haben, wie ich mich dort gefühlt habe – und bin doch ein anderer, als wir am Straßenschild vorbeifahren.

Als wir wieder auf der 1 sind, ist es dunkel, was heißt, dass wir von hier an nichts mehr von der Gegend mitbekommen, ausser dass es bergab geht. Dementsprechend fährt es sich verhältnismäßig angenehm und wir kommen gegen halb zwei in Egilsstaðir an.

Es klingt wie ein dramaturgischer Kniff, ist aber die Wahrheit: eine halbe Stunde, nachdem wir im Zelt sitzen und essen, beginnt es zu regnen – und hört die nächsten zwei Tage nicht auf.

Goldrichtige Entscheidung.

Mehr Island:
Eine kleine Radtour(1) || Prolog(2) || Fæhre und Færöer(3) || Hochland I(4) || Hochland II(5) || Der „Golden Circle“ (6) Reykjavik (7) || Musik (8) || Westfjorde I (9) || Westfjorde II || Westfjorde III

Über sushey

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