Island 2013 – Die letzte Hürde (13)

Noch ist die Straße einigermaßen trocken, doch wenn man den Kopf hebt und dem sich den Berg hochschlängelnden Straßenverlauf folgt, dann sieht man die weiße Schneekappe. Wir haben die Bilder in der Webcam der Touristeninfo gesehen; uns stehen noch mal interessante 26 Kilometer bevor.
Auf dem Hinweg vor einem Monat habe ich mir vorgestellt, wie wir bei bestem Wetter den Pass zur Fähre herunterrauschen würden, begleitet, überholt und – ja auch – bewundert von den anderen Islandreisenden mit Autos.
EIN Auto nähert sich von hinten und setzt zum Überholen an. Ich warne die anderen beiden, doch da ruft mir der Fahrer aus dem geöffneten Fenster etwas zu und bringt mich zum Anhalten.

Vor einem Monat gabs hier strahlenden Sonnenschein.

Vor einem Monat gabs hier strahlenden Sonnenschein.

Die vergangenen zwei Tage fühlten sich ein wenig so an, als seien wir im Nirgendwo gestrandet. Die große Radtour ist vollbracht; es fehlt nur noch der Pass zur Fähre. Es hat seit zwei Tagen durchgeregnet, und die Zeit haben wir in der Hauptsache mit Tee trinken und Lesen verbracht. Am zweiten Tag lernen wir zwei Wanderer kennen, die unabhängig voneinander aus verschiedenen Ecken hier ankamen. Gerüchte eines riesigen Sturms machen die Runde; große Teile des Landes sind lahmgelegt und selbst die 1 ist gesperrt – was so gut wie nie vorkommt.
Einer der Wanderer war im Nebenfjord und kam dort bei einer Familie unter, was er als reichlich anachronistisch beschreibt: Einerseits sind sie einfache Bauern, die sich um ihre Schafe kümmern und ein dementsprechend uriges Haus bewohnen. Andererseits steht in diesem urigen Haus ein aktueller Rechner, und die Seite des Wetterservices ist rund um die Uhr offen und wird ständig aktualisiert.
Er selber war bei seiner Wanderung in eine Herde Schafe geraten, die von den Bergen heruntergetrieben wurden – und kurzerhand, vermutlich wegen seines Odeurs, als einer von ihnen anerkannt wurde, was zur Belustigung der Dorfbewohner (und auch der beschrieben Familie) beitrug.
Und so vertreiben wir uns die Zeit damit, unsere Geschichte zu erzählen, die Geschichten der anderen anzuhören, noch mal einen Skyr zu kaufen – und zu warten, dass das Wetter besser wird.
Die freundliche Dame in der Touristeninfo ist mehr oder minder entsetzt, dass wir mit Fahrrädern unterwegs sind und auch vorhaben, den Pass auf ihnen zu überqueren. Sie zeigt uns die Webcams – schwerer Wintereinbruch. Wenn sie an unserer Stelle wäre… würde sie noch einen Tag warten.
So warten wir noch einen Tag, stellen dann fest, dass Wind und Regen nachgelassen haben, und auch dank beginnenden Lagerkollers beschließen wir, die letzte Hürde in Angriff zu nehmen.
Nach den allerletzten Besorgungen im Supermarkt treffen wir dort einen Radler, der ebenfalls den Pass nehmen will und sich uns anschließt.
Tore kann uns einen kleinen Einblick davon geben, wie der Sturm war: ihm ist sein Zelt mehr oder minder davongeflogen, als er drin lag.
Kurzerhand suchte er Zuflucht hinter einem Felsen, bis ihn zwei spanische Mädels in einem Auto aufgabelten, die ihrerseits Schwierigkeiten hatten, auf der Straße zu bleiben – stellenweise war der Wind so stark, dass er den Asphalt gelöst und durch Autofenster geweht hat.
Tore hat schon so manche Wintertour in Norwegen gemacht und scheint wie wir eher erfreut zu sein, wieder radeln zu können.
Wir machen uns also auf.
Der eingangs beschriebene Autofahrer ist ein Isländer, der uns gesehen hat, und extra losgefahren ist, um uns zu warnen. Wir versprechen ihm, vorsichtig zu sein – wir sind vielleicht ein bisschen verrückt, aber nicht wahnsinnig.
Und so schrauben wir uns Meter um Meter weiter hoch, und das Wetter wird schlechter und schlechter – bis wir in etwas stecken, das einem Schneesturm schon recht nahe kommt. Stellenweise ist die Sicht gleich Null, die Straße ist spiegelglatt und dank des Schnees auch seifig, der Wind bläst sehr stark – zum Glück in der Hauptsache von hinten oder leicht seitlich.
Die wenigen Autos passieren uns sehr, sehr langsam, scheinen aber mehr Probleme zu haben, als wir selber.
Bergab wird es richtig spannend. Die Bremsen auf Anschlag angezogen, zeigen sie trotzdem kaum noch Wirkung – Philipp behilft sich, indem der die Böschung zum Bremsen nimmt.
Ich wollte hier doch mit Vollgas herunterrauschen…

Tore kämpft mit den Elementen

Tore kämpft mit den Elementen

Und dann wird es langsam besser. Der Schnee weicht Schneematsch und geht schließlich in Regen über, die Steigung nimmt ab, und irgendwann kommen wir in Seyðisfjörður an.
Der Aufenthaltsraum des Campingplatzes wird für die nächsten anderthalb Tage zu unserem Bezugsort; hier treffen wir den Motorradfahrer aus Hannover, den wir niemals ohne Kamera sehen, Vater und Sohn aus Sachsen, die zwar Fahrräder mitgenommen haben, aber nur zur Zierde – und Marianne. Sie kommt auf uns zu mit den Worten: “ Seid ihr die Radfahrer, die wir oben im Schnee gesehen haben? Ihr habt mir so leid getan… wollt ihr ein Spiegelei? Ihr habt es euch verdient!“
Und so bekamen wir ein leckeres Spiegelei – und wenn man mal ehrlich ist, haben die Stunden im Schnee auch Spaß gemacht – wir wussten ja, dass es nur eine kurze, überschaubare Strecke ist.

Spiegelei für Helden

Spiegelei für Helden

Ich finde es toll, die Geschichten der anderen zu hören und unsere Geschichte zu erzählen. Man taucht in andere Universen ein, hört andere Geschichten, sieht andere Perspektiven.

Wir machen es uns unten gemütlich, der Schnee oben.

Wir machen es uns unten gemütlich, der Schnee oben.

Die Kirche

Die Kirche

Auch Seyðisfjörður zeigt sich noch einmal neu für uns: war der Ort am Beginn der Reise lediglich der Startpunkt in den Pass, so entdecken wir jetzt, dass es ein schöner Künstlerort ist, der viel zu bieten hat. Man bekommt einen Eindruck davon, wie es im Winter in Island ist; lebt man in einem solchen Fjord, so ist man teil- und zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten.

Am Hafen

Am Hafen

Telefonzelle am Hang

Telefonzelle am Hang

Es kann ganz schön dunkel und einsam werden, erzählt uns die Frau in dem Wollgeschäft, deswegen ist sie auch im Winter in Reykjavík.

Noch ist hier Bilderbuchatmosphäre...

Noch ist hier Bilderbuchatmosphäre…

… und nach anderthalb Tagen hier in Seyðisfjörður stehen wir dann irgendwann wieder vor der Fähre, die riesigen Trucks neben uns. Gleich geht es die Rampe hoch, doch dieses Mal wird es keinen Adrenalinstoß geben.

Selbst die größten Trucks sind im Schnee steckengeblieben. Wir nicht :-)

Selbst die größten Trucks sind im Schnee steckengeblieben. Wir nicht🙂

Wir haben knapp 2000 Kilometer auf Island hinter uns gebracht, unzählige Höhenmeter, haben die höchsten Pässe, die steilsten Steigungen, die wildesten Pisten gemeistert, Schnee- und Sandsturm durchstanden, dem Regen, dem Wind, den eigenen Zweifeln getrotzt, kiloweise Schokolade vertilgt, literweise Tee getrunken.
Die Gigabytes an Fotos müssen gesichtet, sortiert, bearbeitet werden. Im Kopf entstehen die ersten Konzepte für milchmithonig. Wir kommen zurück nach Hause, in eine Welt voller unkomplizierten Luxus, zurück zu lieben Menschen, zurück in den Alltag.

Verið þér sælar!

Verið þér sælar!

Auf der Fähre wird es viele andere Menschen geben, viele Gespräche.
Doch als Island wieder im Dunst verschwindet und wir hinaus in den Nordatlantik stampfen, ist der körperliche Teil der großen Reise vorbei.

Der Kopf wird noch ein Weilchen brauchen.

Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
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