Elaine und das Treffen in der Kneipe

Ich kam grad aus der Toilette wieder – da stand sie plötzlich vor mir.

Meine Kommilitonen und ich waren nach der (vorerst) letzten Klausur noch einen trinken gegangen, die Stimmung war ausgelassen und heiter, die Kneipe insgesamt freundlich – kurzum: es war ein guter Abend.

Und plötzlich stand sie vor mir im Gang. Sie sah noch besser aus, als ich sie mir vorgestellt habe, denn logischerweise hatte ich sie noch nie gesehen: Elaine.

Sie lächelte mich an und meinte etwas unsicher, aber entschlossen: „Hallo.“
Ich war noch immer ein wenig perplex und brachte nur ein „Jo. Moin. Äh…“ heraus.
Und dachte: „Das Bockbier ist wohl doch stärker, als ich dachte…“ – als sie zu kichern begann.
„Kannst du meine Gedanken lesen?“ fragte ich sie, und sie sagte: „Ich BIN einer deiner Gedanken, schon vergessen? Und ja, das Bier hilft dir oft, deine Phantasie in Schwung zu bringen. So gesehen hast du Recht.“

„Ich habe gerade an dein Erlebnis mit dem Zaubertrick gedacht, weißt du noch?“

Elaine lächelte: „Natürlich. Das war ein schöner Tag.“

„Es war schön, ihn zu schreiben. Und zu wissen, dass du ihn so erleben würdest.“

„Danke. Aber weißt du, manchmal würde ich gerne mehr erleben. Manchmal würde ich gerne mehr leben. Ich meine, es ist nett, dass du immer die besonderen Momente schreibst, aber was mache ich an all den anderen Tagen?“

Ich dachte nach.Tatsächlich war Elaine für mich bisher nie ein Mensch gewesen, der sich mit den Alltagsnöten herumschlagen musste, die ich z.B. erlebe – oder jeder andere Mensch, den ich kenne.
„Hmm. Ich nehme an, du lebst einfach ganz normal. Gehst weg, bleibst zuhause, triffst Menschen, so Sachen eben. Ich schätze, im Großen und Ganzen bist du sehr viel besser als ich darin, dein Leben zu genießen.“

Sie lächelte ein bisschen. „Ist ja auch nicht schwer, wenn man nur die guten Sachen erlebt.“

„Trotzdem hast du einen Blick auf das Leben, den ich immer mehr verlerne.“

„Deswegen gibt es mich doch, oder?“

„Ja, vielleicht schon. Und vielleicht verlernst du diesen Blick auch, wenn du andere Dinge erlebst. Hast du Lust auf Steuererklärungen? Oder darauf, dass deine Krankenkasse dich nervt, weil sie irgendwelche bescheuerten Dinge von dir wollen?“

„Vielleicht. Ich habs ja noch nie erlebt.“ meinte sie trotzig. „Ich meine, du bist jetzt hier in der Kneipe und hast dich mit mir getroffen, das heißt, dass der Moment jetzt für dich auch speziell ist – und dieser Blick auf die Dinge ein anderer ist, als noch vor ein paar Tagen, als du gelernt hast.“

„Das stimmt. Ich vermisse dich in solchen Zeiten. Ich weiß nicht, wo du bist oder was du machst, und das finde ich dann schade.“

„So lange du mich nicht vergisst, ist doch alles gut. Immerhin bist du so nett, die besonderen Momente zu schreiben, das ist doch auch schon gut. Aber ich glaube, deine Freunde warten langsam.“

Elaine verschwand langsam. Sie winkte, und ich konnte durch ihre blasser werdende Hand hindurch schauen. Doch ich hatte so ein Gefühl, als würde sie nicht so ganz gehen.

Ich ging wieder an den Tisch, trank und feierte mit den Anderen. Und gänzlich unbemerkt von ihnen wechselte mein Taschentuch, jedes Mal, wenn ich es herauszog, seine Farbe.

Über sushey

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