Elaine und die Musik im Menschen

„Kriegst du so eigentlich alle deine Mädchen rum?“
Langsam lösen Elaine und Jan sich ein wenig. Sie lag in seinen Armen, aber jetzt richtet sie sich auf, bringt ein wenig Distanz zwischen ihre Köpfe und schaut ihm in die Augen.

„Wenn ich jemandem so etwas vorspiele, wie dir gerade, dann geht es längst um was ganz Anderes, als dich rumzukriegen.“, meint er und schaut sie ernst und durchdringend an.

Elaine ist interessiert und ein bisschen amüsiert: „Ja? Ich dachte, es geht immer nur ums Mädchen rumkriegen. Worum ging es denn dann?“

Jans Blick richtet sich auf einen nur für ihn sichtbaren Punkt in der Ferne, während er nachdenkt und ausholt. Es ist derselbe Gesichtsausdruck, mit dem er eben für eine halbe Stunde Gitarre gespielt hat, und obwohl Elaine wusste, dass er das für sie getan hatte, so spürte sie auch, dass er gänzlich woanders gewesen war, als er gespielt hatte.
Sie hatte es der Musik angehört: Die ersten paar Minuten hatte er sich warmgespielt, ein paar Skalen hier, der ein oder andere Akkord da, kleinere Riffs. Einzelne Versatzstücke, die nichts miteinander zu tun hatten. Irgendwann dann war sein Spiel zusammenhängender und melodischer geworden. Er hatte begonnen, sich in einzelne Abschnitte zu versenken – die jetzt auch zueinander stimmig waren – und sein Blick wandte sich mehr und mehr in die Ferne. Sie hatte irgendwann das Gefühl, er nähme nicht mehr wahr, dass sie auf dem Bett saßen, sie auf die Kissen gelehnt mit Blick Richtung Fenster, er an der Wand mit Blick Richtung Raum.
Sie wusste nicht, was er spielte – und er hinterher auch nicht mehr so genau – aber sie spürte, dass hier etwas Einmaliges entstand und was es bedeutete – sie konnte sich nur noch selten so in eine Sache versenken, wie es Jan gerade getan hatte.

Und irgendwann kehrte sein Blick zurück. Er schaute leicht perplex auf die Gitarre, ganz so, als wunderte er sich, was sie dort eigentlich machte, und dann legte er sie vorsichtig beiseite und lächelte Elaine ein wenig schüchtern an.

Das war der Augenblick gewesen, in dem sie entschieden hatte, ihn zu küssen.
Es war einer jener Küsse, der die Welt veränderte. Jedenfalls Elaines und Jans; vorher waren sie befreundet gewesen, hatten sich hin und wieder getroffen, ihre Nähe genossen – aber das alles eben unverbindlich.
Dieser Kuss veränderte ihre Beziehung. Er machte sie von Freunden zu einem Paar, und jetzt würden sie sich noch einmal ganz neu kennenlernen.
Und so war auch der Kuss, zögernd erst, Lippen auf Lippen, die Zungen langsam und vorsichtig tastent, dann immer mehr forschend, und schließlich leidenschaftlich. Sie spürte erst eine Reaktion in seinem Unterleib, und dann auch in ihrem…

Und dann hat sie sich von ihm gelöst und ihn gefragt.

„Nein, es geht nicht ums Rumkriegen. Zumindest mich hast du schon rumgekriegt, wenn ich dir so etwas spiele, wie das eben gerade. Es ist mehr so… mehr so eine Art Tür. Wenn ich so spiele, wie eben gerade, dann lade ich dich ein, dann zeige ich dir etwas von mir, das nur Wenige kennen – aber ich will, dass du es kennst. Ich will, dass du mich kennst.“

Elaine lächelt ein wenig: „Jetzt haben wir uns zumindest ein bisschen besser kennengelernt. Ich finde das gar nicht so schlecht.“

Und sie küssen sich erneut.

Später, als sie zusammengekuschelt einschlafen, und Elaine Jan atmen hört, seinen Herzschlag spürt, denkt sie: „Darum geht es doch eigentlich. Herauszufinden, welche Musik in welchem Menschen spielt.

Über sushey

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2 Antworten zu Elaine und die Musik im Menschen

  1. spreewaldperle schreibt:

    Hach, wie romantisch.

    Gefällt mir

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