Was man aus einer Verletzung lernen kann

Haben Sie den Eindruck, dass diese Verletzung Sie persönlich verändern wird?
Das hat sie schon. Man lernt sich in so einer Zeit besser kennen.

Sami Khedira im lesenswerten 11Freunde-Interview

 

Ich klettere und bouldere mittlerweile seit bestimmt fünf oder sechs Jahren, und für einen Sport, der den Körper so stark belastet und die Häufigkeit und Intensität, mit der ich bouldere, bin ich bisher zum Glück von größeren Verletzungen verschont geblieben.

Weihnachten letzten Jahres allerdings war ich in Bremen bouldern; sei es, weil die Routen dort in einem anderen Stil geschraubt sind, ich ungeduldig war und unaufgewärmt eine viel zu schwere Route versucht habe – irgendwann hing ich mit dem gesamten Körpergewicht mit der rechten Hand an einer Leiste (sehr schmale Kante, an der nur die Fingerspitzen Platz haben), und gleichzeitig mit dem Hochziehen verdrehte ich die Hand. 

Als Folge der Überanspruchung gab das Grundgelenk des Ringfingers nach, und ein bisschen Gelenkflüssigkeit gelangte in die Sehnenscheide, wo es einen druckempfindlichen Gnubbel formte, ein sogenanntes Ganglion.

Die Verletzung klingt eklig und ist es auch. Zum Glück spürt man im Alltag kaum etwas davon, allerdings dauert es etwa einen Monat, bis es verheilt ist – wobei das Gelenk kaputt bleibt. Das heißt, man kann es wieder belasten, es wird aber verletzlich bleiben (ähnlich wie bei den Sehnen, wenn sie überdehnt werden).

Wenn man bedenkt, wie sehr ich das Bouldern liebe, dann kann es gefühlt keine schlimmere Verletzung geben. Es dauert lange, bis ich das Gelenk wieder belasten darf, und werde es nicht wieder auf die gleiche Weise belasten können. Selbstverständlich bin ich ehrgeizig und will besser werden (= härter klettern), aber wie soll das gehen, wenn das Gelenk nicht mitmacht?

Natürlich war ich viel zu ungeduldig und habe das Gelenk viel zu schnell viel zu stark belastet – mit der Folge, dass der Heilprozess sich förmlich unendlich lange hinzog und ich noch immer sehr aufpassen muss, die rechte Hand möglichst zu entlasten. Über Alternativen habe ich nachgedacht – aber ich will bouldern.

Und so habe ich irgendwann angefangen zu akzeptieren, dass die Verletzung nun mal da ist und ihre Folgen auch. Ich bin wieder bouldern gegangen und habe mich vorsichtig an die (verhältnismäßig) sehr leichten Routen gemacht – immer darauf bedacht, alles zu vermeiden, wo ich nur die rechte Hand belaste und notfalls die Route abzubrechen, wenn es nicht geht.

Das war anfangs sehr unbefriedigend.

Die Muskulatur kann mehr; technisch sind die Routen wenig herausfordernd. 

Das Freue allerdings, wieder in der Wand zu sein und die Griffe zu spüren, überwog, und so versuchte ich nach und nach, aus der Not eine Tugend zu machen. Wenn ich die rechte Hand schon nicht belasten kann, könnte ich dann nicht ganz auf sie verzichten?
Einhändig waren die sehr leichten Routen dann schon deutlich herausfordernder.
Und wo ich ohnehin dabei war, mein Kletterverhalten zu ändern, könnte ich dann nicht auch die Dinge trainieren, die ich sonst vernachlässigt hatte? Ich habe in den letzten Wochen eher Dinge wie saubere Technik, den Einsatz meiner Füße, Balance und Gleichgewicht in den Vordergrund gestellt – und siehe da! Auch mit eingeschränkter Hand konnte ich meinem Bewegungsfundus eine ganze Menge neuer Tricks beibringen. Ich spüre mein Gleichgewicht viel besser, wenn ich klettere. Überhaupt habe ich eine sehr viel genauere Vorstellung davon, welche Kräfte und Hebel ich für mich arbeiten lassen kann und manchmal bin ich zur Kreativität gezwungen, weil ich eine Route machen will, bestimmte Belastungen mit rechts aber nicht gehen. 

In der heutigen Bouldersession habe ich gemerkt, dass ich mich langsam auch wieder an die härteren Routen heranwagen kann, die ich vor Weihnachten geklettert bin. Es ist ein großartiges Gefühl, wenn viele Dinge (wieder) gehen und ich mit aller Konzentration daran arbeiten kann, die Route zu knacken. Immer noch mit leicht angezogener Handbremse, aber was die Hand nicht kann, muss eben der Restkörper ausgleichen.

Was das Bouldern betrifft, habe ich also in den letzten Wochen so viel dazugelernt, wie lange nicht mehr. 

An der Übertragung in den Alltag arbeite ich noch.

2 Kommentare zu „Was man aus einer Verletzung lernen kann

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