Elaine geht verloren

Eines Tages verliere ich mich in mir selber, denkt Elaine, und niemand wird mich finden können.

Vielleicht werde ich genau hier sitzen, vielleicht woanders, und man wird denken, ich sei tot oder im Koma, und dabei werde ich mich nur in mir selber verloren haben und nicht mehr wissen, wie ich aus mir herauskomme.

Ganz ruhig sitzt sie da, am Kanalufer, eine eiskalte Fritz Kola trinkend, während um sie herum emsige Betriebsamkeit herrscht. Jogger laufen am Kanal entlang, und das schnelle Trapp-Trapp-Trapp ihrer Schritte formt mit dem gemächlicheren, langgezogenen Knirschen der Spaziergänger einen komplexen, vielschichtigen Rhythmus.

Jemand spielt Gitarre zu diesem Rhythmus, sich unbewusst an die Geschwindigkeit dieses Augenblicks anpassend, so wie alle, die an diesem Moment teilhaben, seinen Atem teilen.

Dabei müsste mich nur jemand suchen kommen. Es ist nicht schwer, jeder kann das.

Sie schaut auf die Wasseroberfläche, die im Licht der untergehenden Sonne überall dort golden schimmert, wo sie unregelmäßig ist.

Es sind die Unregelmäßigkeiten, auf die man achten muss. An den Stellen, wo das Licht sich bricht, kann man gefunden werden.

Es ist mild-warm, doch ein kalter Windstoß macht Elaine eine Gänsehaut. Sie beobachtet, wie die bereits leicht gebräunte Haut sich kräuselt, die Haare sich aufstellen. Dort, wo die Haare aus der Haut stoßen, wird sie heller.

Sie schaut ihren Arm herunter, bis zum Handgelenk. Sie mag die Stelle, an der die Hand aus dem Gelenk entsteht, an der man die Sehnen sehen kann, wenn man die Finger bewegt, und manchmal auch die Adern.

Es ist wie mit dem Handgelenk. Dort wo die Sehnen aus dem Arm kommen, muss man anfangen zu suchen.

Sie stellt sich vor, sie sei unter Wasser, dort vorn im Kanal, wo sich gerade in einem kleinen Wirbel das Licht tausendfach verfängt. Sie würde den Wirbel von unten beobachten, ein winziges Universum in dieser riesigen Wasserwelt. Sie stellt sich vor, dass in diesem winzigen Universum Abertausende von Welten existieren, mit unzähligen Lebewesen, und irgendwo ist ein Lebewesen, das in diesem Augenblick aus seiner Welt nach oben schaut, zu ihr.

Und in diesem einen Augenblick, in diesem Moment, kürzer als ein Herzschlag, haben wir uns gefunden. Dabei haben wir uns nicht einmal gesucht.

Was denkt dieses Wesen aus dem Wasserstrudel? Was weiß es über seine Welt, was über die Welt ausserhalb des Strudels?

Elaine hat ihn verfolgt, bis sie ihn nicht mehr erkennen konnte, und langsam taucht sie wieder auf. Es ist dämmerig geworden, und frisch. Sie hört wieder den Gitarrenspieler, den Rhythmus der Jogger und Spaziergänger auf dem Schlackeweg; Wortfetzen dringen an ihr Ohr. Der Rhythmus, dem noch eben alles folgte, hat sich aufgelöst in ein verwirrendes Durcheinander von Tempi.

Die Cola ist inzwischen leergenippt. Elaine steht auf und geht nach Hause.

Eines Tages verliere ich mich in mir selber, denkt Elaine, und niemand wird mich finden können.

Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
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Eine Antwort zu Elaine geht verloren

  1. Jetteken schreibt:

    Hat dies auf einfach.nur.so rebloggt.

    Gefällt mir

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