Tracy Chapman riecht nach Demeter

Man hatte mir ein gewisses Verständnis für die Mathematik nachgesagt, und ebenjenes sollte ich meiner Mitschülerin L., die damit leider nicht gesegnet war, nahebringen.
Nun bedingt das Verständnis einer Materie leider nicht zwangsläufig auch das Verständnis derer, die sie nicht verstehen, aber ich konnte L. immer zu einer Vier oder manchmal gar einer Drei verhelfen. Das grundlegende Problem dabei war, dass ich z.B. in der Analysis Kurven einfach schön fand – aber nie wirklich erklären konnte, warum. Oder, nachhilfetauglicher, was konkret dafür sorgte, warum die Kurve so aussah, wie sie nun einmal aussah, wusste ich zwar, aber mehr noch hatte ich es im Gefühl – und konnte nur schwer verstehen, dass andere dieses Gefühl nicht haben.
Jedenfalls half ich L. nach Kräften, und ich war auch einfach gerne bei ihr. Ich mochte sie (und mag sie noch immer, vermute ich, aber wir haben uns sehr lange nicht mehr gesehen), und sie mochte mich – und ihre Eltern mochten mich auch. Und sie war die beste Freundin derjenigen Frau, die ich damals toll fand. Schande über mich.
Ihrem Vater – ein Journalist, ich nenne ihn gerne LPK wegen seiner Initialien – musste ich regelmäßig bei Computerproblemen aus der Patsche helfen. Es ist mir nach wie vor unbegreiflich, wie er so wenig von seinem Arbeitswerkzeug verstehen konnte, aber mir sollte es recht sein, ich habe ihm gerne geholfen.¹

Wenn man zu ihnen kam, musste man zunächst durch einen Garten, bei dessen erstem Anblick ich dachte: „Ohje, den wird hier im Dorf keiner mögen.“ – denn der Garten war so planvoll verwildert, dass es allen anderen vermutlich ein Graus war. Es roch mindestens nach Thymian, nach Gras natürlich und nach Holzspänen, und andere Gerüche habe ich vergessen oder nie gekannt.

In der Tat war es einer der eindrucksvollsten Gärten, die ich kenne, so besonders, dass die besten Freunde ihres Vaters zu einem ersten April auf die Idee kamen, einen gefälschten Brief vom Amt zu verfassen, dessen Inhalt sich dahin belief, den tollen Froschteich binnen kürzester Zeit zuzukippen oder anderweitig zu entschärfen.

LPK hat geschäumt.

Auch im Haus roch es immer nach Gewürzen, nach Kräutern, nach Getreide, denn die ganze Familie hat sich vegetarisch ernährt. Im Dorf vielleicht keine Sensation mehr, aber auch nicht gerade alltäglich. In Norden auf dem Land kommt Fleisch auf den Teller.

Und der Geruch gehörte L., und L. ganz allein. Ich war wegen der Nachhilfe oft direkt nach dem Unterricht dort und habe mitgegessen; meine ersten vegetarischen Erfahrungen.

Der Geruch ist haften geblieben; und weil L. auch noch Musik gehört hat, die ich damals ein wenig langweilig fand – ich mochte Rage Against The Machine, Nirvana, Metallica, und sie hat Phil Collins, Dire Straits, Eric Clapton und eben Tracy Chapman gespielt – ist ihr Soundtrack für mich für immer mit diesem Geruch verbunden. Es ist der Geruch nach vegetarischem Essen, nach frischem Gemüse, nach Getreide, eben der typische „Demeter-Geruch“ aus dem Bio-Supermarkt. Amaranth und Kichererbsen sind sicherlich auch dabei.

Sie hat immer „Crossroads“ oder eben „Tracy Chapman“ von gleichnamiger Musikerin gehört – die Stimme steht ausser Frage, die Qualität der Songs auch. Selten habe ich Tracy Chapman gehört, wenn ich nicht bei L. war, und so verwundert es mich nicht, dass ich eben in der Kneipe, in der sie „Talkin‘ bout a Revolution“ gespielt haben, den Demeter-Geruch in der Nase hatte.

¹ Nach wie vor fasziniert es mich, dass Menschen von selbstgeschrieben Texten leben können.

Über sushey

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