Phantasie vs. Imaginationskraft

Ich muss ungefähr 11, 12 Jahre alt gewesen sein, als ich ein Buch gelesen habe, in dem die große Flut in Hamburg in den 60ern eine Hauptrolle spielte. Vermutlich war es einer von diesen Jugend-Abenteuer-Romanen – von denen habe ich ne Menge gelesen – und meine Helden kämpften sich durch absolutes Mistwetter. Sturm, Wind, Regen, Hagel, die Elbe überall. Düster, grau und nass.

Dann wurde ich gerufen.

Ich sollte nach draußen kommen – und war zunächst völlig verwirrt: es war nämlich ein schöner, warmer, sonniger Nachmittag. Meine Ohren rauschten noch von der Flut, in meinem geistigen Auge schüttelte ich mich trocken und brauchte einen Moment, um das Nichtvorhandensein der Flut und den wunderschönen Nachmittag in Einklang zu bringen.

Diese Imaginationskraft habe ich lange vermisst, und oft habe ich dabei an diesen Moment gedacht. Klar, Phantasie und Kreativität begleiten mich immer, und auch wenn ich keine ganz so graphische Vorstellung habe wie viele meiner Freunde, fällt mich manchmal ein witziger Spruch ein, fällt es mir leicht, mich in andere Perspektiven hineinzudenken oder alternative Szenarien auszudenken.

Aber ich war selten in diesen Szenarien drin, in dem Maße, wie ich die Flut erlebt habe. Geschichten blieben ein Blick in eine andere Welt, und selten genug konnte ich meinen Kopf wenigstens durchs Fenster stecken.

Die Gründe dafür mögen vielfältig sein: ich lasse mich ungern aber häufig von der Welt stressen, im Studium geht es darum, möglichst schnell möglichst viele Informationen aufzunehmen, etc. – ich habe Geschichten genossen, keine Frage, aber selten bin ich in die Welten eingetaucht.

Bei „Herr Lehmann“ ging es – wohl auch, weil ich mich gut mit dem Protagonisten identifiziere und Berlin gut kenne. Auch Elaine – so skizzenhaft sie noch immer ist – wurde zwischendurch sehr plastisch.

Ich habe gemerkt, dass es wie eine große Befreiung war, das Buch über die Islandreise auch tatsächlich zu drucken und herauszubringen. Die Idee hat mich ein Jahr lang begleitet, manchmal regelreicht heimgesucht. Es war ein Haufen Arbeit, den ich immer hinter Studium, „richtiger“ Arbeit (also zum Geldverdienen) und Privatleben anstellen musste, verschoben, aufs Eis gelegt, unterbrochen habe.

Dann war es irgendwann fertig und da, und der Kopf wieder frei für Neues. Es liegt sicherlich an den Inhalten, ein bisschen daran, dass es genau ein Jahr her ist: Es gibt Momente, in denen erinnere ich mich nicht nur an bestimmte Situationen in Island – in dem Sinne, dass man Fakten aufzählen kann – sondern ich erlebe sie noch einmal. Ganz so wie damals die große Flut.

Ich hatte eine Idee für eine neue Geschichte, und egal, was draus wird – sie lebt so intensiv in meinem Kopf, als würde ich sie nicht erfinden, sondern mich erinnern. Es hat mich von den Socken gehauen, als ich zum ersten Mal in die Idee eingetaucht bin, und so lange ich nicht gegen Straßenlaternen laufe oder in Flüsse falle, weil ich so sehr in Gedanken bin, finde ich, dass es ein sehr gutes Zeichen ist.

Denn darum gehts doch beim Geschichtenerzählen: Phantasie und Imaginationskraft. Das eine erfindet eine Welt, das andere gestaltet sie.

Über sushey

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2 Antworten zu Phantasie vs. Imaginationskraft


  1. Allein dieser Text vermittelt so viel Atmosphäre und macht Appetit darauf, noch viel mehr davon zu lesen.

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