#aufdietische

Robin Williams ist tot. Höchstwahrscheinlich war es Suizid; ein tragischer und viel zu früher Tod. Wie viele, viele andere auch bedaure ich sehr, dass dieser Mensch von uns gegangen ist und bin traurig, dass ein sehr talentierter Schauspieler, ein erfolgreicher, beliebter, höchstwahrscheinlich seine Frau und Familie liebender Mensch wohl keinen anderen Ausweg gesehen hat, als sich das Leben zu nehmen.

Das Internet quillt gerade über von Betroffenheitsmeldungen, Beileidsbekundungen und Nachrufen; wie zuletzt bei Amy Winehouse, Peaches Geldof und Robert Enke läuft parallel dazu auch die ganze Betroffenheitsmaschinerie wieder an.
Lies bitte sorgfältig weiter, denn hier beginne ich zu differenzieren.

Die Betroffenheitsmaschinerie
In den Medien wird das Thema „Depression“ garantiert in den nächsten Tagen (wieder einmal) große Wellen schlagen. Man wird zu erklären versuchen, dass „Depression“ kein Todesurteil ist, aber eine sehr schwere, potenziell tödliche Krankheit, zu deren Heilung es vor allem auch viel Verständnis der Angehörigen braucht. Um die Unfassbarkeit der Situation zu greifen, um zu klären, wie jemand wie Robin Williams (Amy Winehouse, Peaches Geldof, Robert Enke), der/die doch alles hat, die ultima ratio ergreifen konnte, wird schön im Privatleben gewühlt, immer mit dem Hinweis, die Pietät verbiete es eigentlich, aber… ich lasse diesen Artikel der Sueddeutschen und seine Kommentare einmal sinnbildlich dafür stehen, wie ungelenk und auch zynisch in den Medien damit umgegangen wird – und ich finde, es ist noch einer der besseren Artikel zum Thema.

Fassungslosigkeit
Viele Menschen drücken ihre Fassungslosigkeit aus, und sie haben jedes Recht dazu. Wer das Glück hat, sich niemals aktiv oder passiv mit dem Thema „Depression“ beschäftigen zu müssen, kann vielleicht wirklich nicht glauben, dass man alles haben und trotzdem unendlich hoffnungslos sein kann. Und vor allem, dass man – gerade in der Öffentlichkeit – funktionieren kann, auch wenn es einem selber furchtbar geht.
Hand aufs Herz: Wer hat nicht auf die Frage: „Wie geht es dir?“ mit „Gut, danke.“ geantwortet, dabei gelächelt und gedacht: „Nein, eigentlich alles andere, ausser gut.“. Und wer gibt sich im Alltag schnell mit der Antwort „Gut, danke.“ zufrieden?
Eine Depression / depressive Phase / depressive Verstimmung ist seltenst offensiv. Wer stellt sich schon gerne hin und sagt: „Nein, es geht mir nicht gut, wirklich nicht.“? Vielleicht fehlt der Mut, vielleicht hat man Angst, erklären zu müssen, was man nicht erklären kann (Depression ist nicht logisch. Man kann sich mit aller Macht der Intelligenz sagen: „Es MUSS mir gut gehen.“ – es wird nicht klappen), vielleicht will man schlichtweg seinem Gegenüber nicht zur Last fallen.

Aber vielleicht kann man als Gegenüber signalisieren, dass man bereit ist, sich zumindest einen Teil der Geschichte anzuhören.

#aufdietische
Auf twitter gab es auf diesen Tod erwartungsgemäß eine Unzahl von Reaktionen, die meisten davon zum Glück anscheinend echt betroffen und pietätvoll. Eine Aktion bezieht sich auf Williams‘ Hauptrolle in „Club der toten Dichter“. Dort wird dem gefeuerten Lehrer seitens seiner Schüler die letzte Ehre erwiesen, indem sie auf den Tisch steigen – eine Referenz an eine ungewöhnliche Unterrichtsstunde, in der er seine Schüler zum Perspektivwechsel durch ebendieses auf-den-Tisch-steigen aufgemuntert hat. Ich glaube, Robin Williams hätte sich über diese Geste gefreut: #aufdietische #ocaptainmycaptain – und sie zeigt, dass viele Menschen in ihrer Hilfslosigkeit und Betroffenheit ein Zeichen setzen wollen.

Doch was passiert, wenn alle wieder von den Tischen gestiegen sind?
Im Fall „Enke“ war es so, dass viel davon gesprochen wurde, Anspruchdenken und Leistungsdruck zu verringern, mehr auf die Spieler zu achten. Es ist wenig davon übriggeblieben. Vielleicht betreuen die Vereine ihre Spieler psychologisch jetzt mehr – wer die geforderte Leistung nicht bringt, wird sofort ausgetauscht.
Daran kann ich nicht viel ändern – aber ich kann auf meine Mitmenschen achten. Ich kann versuchen, ihre Signale zu empfangen, und adäquat darauf zu reagieren. Eine Freundin schrieb unlängst einen Blogpost, den ich nur als Hilferuf interpretieren konnte – und ich habe einen Kommentar hinterlassen, der anscheinend geholfen hat. Fünf Minuten des Schreibens für mich, die vielleicht in diesem Fall kein Leben retten müssen (gottseidank!), aber ihr das Leben ein wenig besser gemacht haben.

Und das können wir alle, meistens
Jede und jeder von uns hat einen Freund/eine Freundin, der/die Signale aussendet, die darauf hindeuten, dass eben nicht alles okay ist. Es klingt in dem „Enke“-Artikel der SZ an: wenn ein Verbotsschild ausreichen kann, einen Suizid zu verhindern, kann ein aufrichtig gemeintes „Wie geht es dir wirklich?“ jemandem eine große Last vielleicht nicht nehmen, aber deutlich erleichtern. Manchmal muss man nur jemandem davon erzählen, um es loszuwerden – es ist einer der Gründe, warum ich blogge, es ist ein Ventil – und man muss kein Psychiater sein, um jemandes Probleme ernst zu nehmen. Das dauert vielleicht nicht länger, als ein Foto zu machen, bei dem ich auf dem Tisch stehe, und kostet vielleicht auch nicht mehr Energie.

Denn manchmal muss man für jemanden #aufdietische steigen und die Perspektive wechseln, der oder die es gerade nicht selber kann.

 

 

Über sushey

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