Stell dir nur einmal vor

… du hättest damals „ja“ gesagt statt „nein“
… oder „nein“ statt „ja“

Stell dir nur einmal vor
… du hättest doch den anderen Job genommen
… die andere Wohnung gemietet
… die andere Uni gewählt

Stell dir nur einmal vor
… wie oft am Tag du Glück hast
… und wie sehr dich auch das Pech, das du erlebt hast, definiert

Stell dir nur einmal vor
… du wärest auf ein anderes Konzert gegangen
… in ein anderes Cafe
… oder Kino

Stell dir nur einmal vor
… wie viel in deinem Leben du selber entschieden hast
… wie viel nur ein Zufall ist

Stell dir nur einmal vor
… du hättest blau getragen statt rot
… die Haare kurz statt lang
… ein Fahrrad statt eines Autos

Oder umgekehrt

Stell es dir nur einmal vor

Es gibt keinen Zufall, es gibt nur Wahrscheinlichkeiten. Und du stehst am Ende einer langen Kette von Ereignissen, egal wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich. Und in jedem Moment – und sei er noch so klein – existieren unendlich viele Möglichkeiten. Dieser noch so kleine Moment konnte überhaupt nur entstehen, weil du unendlich viel mehr Möglichkeiten hinter dir hast, und noch unendlich viele Möglichkeiten warten. Dieses Leben ist das einzige, was sein kann, denn es ist ja aus dieser – deiner – Kette von Wahrscheinlichkeiten entstanden. In einem anderen Universum hast du „ja“ gesagt statt „nein“.

Stell dir nur einmal vor
… in einem anderen Universum hätten wir uns nicht getroffen.

Sólstafir – Ótta (2014)

oder: ein typisch isländischer Tag einer typisch isländischen Band.

solstafir„Ótta“ (Dämmerung) ist das fünfte Album der isländischen Rockband Sólstafir und folgt thematisch einem alten isländischen System der Tageseinteilung: acht Blöcke zu je drei Stunden, das ergibt acht Songs, deren Titel beginnend mit Mitternacht einem Tag folgen – abermals bis Mitternacht.

Und so beginnt das Album leise und fast verhalten. Der Sänger Aðalbjörn Tryggvason flüstert beinahe, begleitet von melancholischen Klaviertönen – bis nach zwei Minuten das Soundgewitter auf den Hörer einbricht, bestehend aus treibendem Schlagzeug, massiven Gitarrenwänden, tiefem Bass – und immer mal wieder einem Banjo, wie im schön ausbalancierten, vielschichtigem Titeltrack „Ótta“. Gerade dieses kleine Kunstwerk zeigt deutlich die Stärken der Band: Er ist eingängig, aber komplex, folgt seiner eigenen Dramaturgie; brachialer Gitarrensound und kleine Details wie das erwähnte Banjo sorgen für neuneinhalb Minuten Kopfkino. Metalartige Momente und Stille wechseln sich ab, sodass dieses Kino auch Platz im Kopf hat.
Der Vergleich zu Sigur Rós liegt nahe, wird aber beiden Bands nicht gerecht: es gibt einzelne Elemente wie die gestrichen gespielte Gitarre oder den Wechsel aus Crescendo/Decrescendo, die maßgeblich den Sound beider Bands bestimmen; während Sigur Rós aber vergleichsweise langsamen, atmosphärisch-träumerischen Pop macht, hört man Sólstafir an, dass sie aus einer deutlich härteren Ecke stammen.
Dass sie dennoch ebenfalls sehr atmosphärisch klingen, ist große Kunst.
„Miðdegi“ und „Nón“ sind schnell, ruhelos und hart, und insbesondere der Beginn von „Nón“ klingt wie wütender Post-Hardcore – bevor sich der Song völlig zurückzieht und einer sanften Klaviermelodie Platz macht – die sich selber dann völlig natürlich in ein treibendes Schlagzeug und den geschrieenen Gesang einfügt – groß, ebenso wie das tolle Riff am Ende.Es geht wieder gegen Mitternacht; das sehr stille und melancholische „Miðaftann“ bereitet den Weg für „Náttmál“, dem mit etwas über 11 Minuten längsten Stück des Albums, das eine Art Querschnitt des bereits Gehörten darstellt und noch mal deutlich zeigt, zu was die Band in der Lage ist.

Großes Kino.

Offizielle Homepage: www.solstafir.net
Das Album bei Bandcamp hören: http://solstafir.bandcamp.com/

Der Stammgast

Er ist ein unscheinbares Männchen, wie er so dasteht. Klein und dürr, was die ausgeblichene Bluejeans und der zu große graue Hoodie kaum zu verbergen vermögen.
Er trägt immer einen Rucksack und eine anthrazitfarbene Basecap. Seine leicht abstehenden Ohren und die Brille, deren Gläser wie Lupen wirken, sorgen mit seiner Blässe dafür, dass sein optisches Erscheinungsbild gleichermaßen wiedererkennbar, wie unattrakiv wirkt. Eine Weile lang trug er rote Teufelshörner aus Plastik, auf denen „AC/DC“ stand, doch die hat er inzwischen abgeschafft.

Er ist immer kurz nach Einlass da, stellt sich in die Mitte des Raumes und nickt begeistert, wenn er das Bühnenbild sieht, so wie er auch während des Konzerts seine Begeisterung durch Headbangen und das Anstupsen anderer Konzertbesucher ausdrückt, denen er mit Daumen hoch signalisiert, dass das gerade voll geil ist. Was die vielleicht auch finden, aber meistens nicht so mit ihm teilen wollen; genauso wie er der Abenddienstleitung – die ihn natürlich auch kennt – regelmäßig selbstgebrannte CDs mitbrachte. Was besagte Person zwar als Geste rührend fand, aber mit der Musik relativ wenig anfangen konnte.

Ich kenne seinen Musikgeschmack inzwischen recht gut; bei Konzerten eines bestimmten Veranstalters (dessen Anweisung an das Licht lautet: „Egal, Hauptsache bunt und wackelt.“ – und irgendwie treten die Bands auch so auf…) ist er grundsätzlich immer da, und im Großen und Ganzen steht er eher auf Hardrock, als auf Death Metal.

Ich weiß also inzwischen ziemlich gut, wann er da sein wird, und dementsprechend erwarte ich auch, dass er unter den ersten 10, 20 Zuschauern ist. Wir begrüßen uns per Handschlag, und als er einmal nicht da war, obwohl ich ihn erwartete – nunja, fehlte etwas.

Er ist ein ziemlich netter Kerl, und nach dem, was er erzählt, gibt er fast seinen gesamten Lohn für Konzerte aus, weil er fast jeden Tag auf Konzerten ist. Er ist einer von diesen Menschen, die so ein bisschen in ihrer eigenen Welt leben, aber vielleicht muss er das auch, um in dieser Welt klarzukommen. Ich habe ihn noch nie mit Freunden gesehen, und inzwischen tut es mir ein bisschen weh, in den Augen anderer Menschen zunächst Ablehnung zu sehen, wenn er auf sie zukommt. Wer weiß, mit wem er sonst reden kann.

Er ist nicht der einzige Stammgast, aber er bringt mich zum Nachdenken, denn er scheint ohne Hintergedanken die Musik zu hören und Kontakte knüpfen zu wollen, und man fragt sich unwillkürlich, wie man mit den Menschen umgeht, die einen so umgeben.

Und vor allem: wo man selber dieser Stammgast ist.

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