Der Stammgast

Er ist ein unscheinbares Männchen, wie er so dasteht. Klein und dürr, was die ausgeblichene Bluejeans und der zu große graue Hoodie kaum zu verbergen vermögen.
Er trägt immer einen Rucksack und eine anthrazitfarbene Basecap. Seine leicht abstehenden Ohren und die Brille, deren Gläser wie Lupen wirken, sorgen mit seiner Blässe dafür, dass sein optisches Erscheinungsbild gleichermaßen wiedererkennbar, wie unattrakiv wirkt. Eine Weile lang trug er rote Teufelshörner aus Plastik, auf denen „AC/DC“ stand, doch die hat er inzwischen abgeschafft.

Er ist immer kurz nach Einlass da, stellt sich in die Mitte des Raumes und nickt begeistert, wenn er das Bühnenbild sieht, so wie er auch während des Konzerts seine Begeisterung durch Headbangen und das Anstupsen anderer Konzertbesucher ausdrückt, denen er mit Daumen hoch signalisiert, dass das gerade voll geil ist. Was die vielleicht auch finden, aber meistens nicht so mit ihm teilen wollen; genauso wie er der Abenddienstleitung – die ihn natürlich auch kennt – regelmäßig selbstgebrannte CDs mitbrachte. Was besagte Person zwar als Geste rührend fand, aber mit der Musik relativ wenig anfangen konnte.

Ich kenne seinen Musikgeschmack inzwischen recht gut; bei Konzerten eines bestimmten Veranstalters (dessen Anweisung an das Licht lautet: „Egal, Hauptsache bunt und wackelt.“ – und irgendwie treten die Bands auch so auf…) ist er grundsätzlich immer da, und im Großen und Ganzen steht er eher auf Hardrock, als auf Death Metal.

Ich weiß also inzwischen ziemlich gut, wann er da sein wird, und dementsprechend erwarte ich auch, dass er unter den ersten 10, 20 Zuschauern ist. Wir begrüßen uns per Handschlag, und als er einmal nicht da war, obwohl ich ihn erwartete – nunja, fehlte etwas.

Er ist ein ziemlich netter Kerl, und nach dem, was er erzählt, gibt er fast seinen gesamten Lohn für Konzerte aus, weil er fast jeden Tag auf Konzerten ist. Er ist einer von diesen Menschen, die so ein bisschen in ihrer eigenen Welt leben, aber vielleicht muss er das auch, um in dieser Welt klarzukommen. Ich habe ihn noch nie mit Freunden gesehen, und inzwischen tut es mir ein bisschen weh, in den Augen anderer Menschen zunächst Ablehnung zu sehen, wenn er auf sie zukommt. Wer weiß, mit wem er sonst reden kann.

Er ist nicht der einzige Stammgast, aber er bringt mich zum Nachdenken, denn er scheint ohne Hintergedanken die Musik zu hören und Kontakte knüpfen zu wollen, und man fragt sich unwillkürlich, wie man mit den Menschen umgeht, die einen so umgeben.

Und vor allem: wo man selber dieser Stammgast ist.

Über sushey

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