Die Befreiung der Ratte

„Vielleicht werden die Ratten es mir eines Tages danken.“ denke ich, während ich das Treppenhaus hinauf stapfe. Eben von einem netten Kneipenabend nach Hause gekommen, hörte ich beim Anschließen des Fahrrads ein Kratzen und Schaben im Müllcontainer. Ein wesentlich größeres Tier erwartend, leuchtete ich vorsichtig in den fast leeren Container und entdeckte eine Ratte auf dem einzigen Müllsack.
Sie stand auf ihren Hinterpfoten und schaute mich mit dunklen, klaren Augen an. Ihr Fell glänzte und wirkte gepflegt; die Ratte war schlank und recht jung, umgerechnet vielleicht im Teenageralter.
Ich weiß nicht, wie lange sie schon versucht hatte, vom Müllsack aus dem Container zu springen, immer eine Rattenlänge zu kurz an den glatten Wänden abrutschend. Eine furchtbare und verzweifelte Vorstellung. Was würde sie erwarten? Erschlagen werden vom nächsten Müllsack, irgendwann vor Erschöpfung sterben, doch noch die Flucht schaffen?

Manchmal begegnet man sich und hat das Gefühl, diese Begegnung sei gewollt. Man sagt, in einer Stadt wie Berlin sei man niemals weiter als drei Meter von einer Ratte entfernt, und vielleicht stimmt das auch. Man sieht immer mal wieder etwas über den Boden huschen, und wo Menschen und deren Überreste sind, sind Tiere nicht weit. Jedenfalls konnte und wollte ich diese Ratte dort nicht im Container lassen.

Ich weiß nicht, ob sie jemals einen Kausalzusammenhang zwischen mir, dem wundersam gekippten Container und ihrer Befreiung sehen wird. Ich gab mich kurz der Vorstellung hin, sie würde noch kurz zu mir schauen, wenn sie befreit wäre, aber sie verschwand blitzschnell in irgendeiner Ecke.

Und während ich die Stufen hinaufstieg, dachte ich kurz daran, dass wir uns irgendwann wiedersehen würden, die Ratte und ich. Vielleicht, wenn ich – aus was für Gründen auch immer – durch ein Berlin below tapern würde, eine Art Unterwelt, die sich unserer Welt verbirgt. Blind aus Sicht der Ratte, die sich dann für die Hilfe revanchieren könnte.
Ich vermute aber, sie würde mit Neil Gaimans Neverwhere – aus dem diese Idee stammt – nicht viel mehr anfangen können, als sich hindurchzunagen.

Vielleicht, ganz eventuell aber, wird es irgendwann einen Fahrraddieb geben, der sich an meinem Rad zu schaffen macht, und ganz eventuell wird es eine Ratte geben, die ihn irgendwie davon ablenkt. Das Glück ist kein Pfeil, manchmal kommt es auf verschlungenen Wegen zu einem zurück.

Vielleicht existiert diese Ratte auch nur in meinem Kopf. Und wenn mir morgen, übermorgen, irgendwann etwas Positives zustößt, dann beziehe ich es auf die Ratte und denke, dass sich hier ein Kreis schließt. Und es ist vollkommen egal, ob es purer Zufall ist, ein Zusammenkommen von Wahrscheinlichkeiten oder höherer Wille. Dieser kleine Akt von Hilfsbereitschaft wird für mich zehnfach „zurückbezahlt“ werden und ich werde mich freuen, weil mir Positives widerfährt. Abgesehen von dem positiven Gefühl, einem anderen Wesen geholfen zu haben.

Dafür eine kleine Ratte aus einem Müllcontainer zu befreien, war es doch wert.

Über sushey

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Eine Antwort zu Die Befreiung der Ratte

  1. Christiane Eden schreibt:

    :*
    Schön, dass es Menschen wie dich gibt , und dass weiß ganz sicher auch deine Begegnung !🙂

    Gefällt mir

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