Die Violinistin

Eine schlanke, gepflegte Hand greift den Bogen und führt ihn auf die Saiten. Sie hält ihn in einem perfektem Mittelmaß aus festem, sicheren Griff und Lockerheit, um den Bogen bei aller Präzision entspannt führen zu können. Die Finger der linken Hand scheinen über das Griffbrett zu tanzen; sie wandern auf und ab, manchmal schnell, manchmal langsam. Verweilen kurz zu einem Vibrato und springen dann schnell zur nächsten Note.
Beide Hände arbeiten in Harmonie, um aus der Geige das Bestmögliche an Musik herauszuholen – sie spielen miteinander, sie spielen mit der Geige, es ist eine komplexe Interaktion.
Diese Hände hatten vorher – teils zum Aufwärmen, teils aus Nervosität – einen dieser kleinen Stressbälle bearbeitet, doch jetzt mit ihrer Hauptaufgabe beschäftigt, funktionieren sie zuverlässig wie kleine Maschinen.

Die Violinistin ist ein hübscher Mensch. Schlank, gepflegt und recht natürlich mit nur wenig Make-Up. Das blonde, leicht graumelierte Haar, das sie meistens zu einem Zopf gebunden trägt, steht ihr ebenso gut, wie ihre zurückhaltende, freundliche Art. Da sie nur Englisch spricht und ein wenig Deutsch versteht, schaut sie meist ein wenig verwundert-konzentriert, wenn sie versucht, einem Gespräch zu folgen.
Sie hat ein freundliches Gesicht; die spitzen Wangenknochen, die gezupften Augenbrauen und der schmale Mund lassen sie manchmal ein wenig streng erscheinen, vor allem, wenn sie sich konzentriert. Die großen dunklen Augen aber schauen meistens freundlich, manchmal gar etwas spitzbübisch – ihren Sinn für Humor muss man nicht lange suchen.

Auf der Bühne trägt sie ein schlichtes schwarzes Kleid mit Spitzenärmeln, was ihre Schönheit noch mehr zur Geltung kommen lässt. Die Haare hat sie hochgesteckt; im Laufe des Konzertes werden sich einzelne Strähnen lösen, was das durch nun mehr Make-Up und volle Konzentration strenger wirkende Gesicht kontrastiert.

Sie schaut auf ihr Notenblatt und beginnt zu spielen. Für den Beobachter reduziert sich ihre Welt auf den Raum zwischen ihr und Notenblatt. Sie schaut nur selten auf in ihren Pausen, bleibt mit ihrem Blick auf den Noten. Sie bewegt sich nur, wenn sie spielt. Es gibt wenig Interaktion mit dem Publikum.

Doch für sie selber scheint sich eine ganz andere Welt zu öffnen. Sie liest die Noten nicht nur, sie erlebt die Musik in ihrem Kopf. Wenn sie spielt, dann folgt sie in ihren Bewegungen den Melodien, die sie spielt. In den intensiveren Stellen neigt sie sich förmlich in das Notenblatt hinein, während sie die entspannteren Parts sehr gerade sitzend aber locker durchspielt. An dramatischen Punkten sticht sie beinahe mit dem Bogen zu – ab und an löst sich hier eine Strähne; manchmal fällt ihr eine ins Gesicht, die sie geistesabwesend wegpustet.

Ihr Spiel hat eine beinah hypnotische, fesselnde Wirkung. Beim Zuschauen verspürt man einen Sog; man möchte bei ihr sein und ihre Musik so spüren wie sie. Man möchte ihr Musik schreiben, die sie noch mehr fesselt. Man möchte die Augen schließen und die Musik genießen – und lässt den Blick doch auf der Geige und dem Gesicht der Violinistin. Von ihrem Spiel geht eine spürbare Energie aus, die über die reinen Noten hinausgeht.

Manchmal kommt die Violinistin für einen Moment zurück in die reale Welt. Dann blitzen ihre Augen kurz und sie lächelt verschmitzt – vielleicht erinnert sie sich in diesem Moment an etwas Lustiges, freut sich, dass sie einen schwierigen Part gemeistert hat oder kommuniziert mit ihrer Kollegin. Doch sehr schnell wird ihr Blick wieder streng und fokussiert.

Und irgendwann ist das Konzert vorbei.

Sie hat ihre letzten Noten gespielt und lässt den Bogen sinken. Die Geige klemmt noch zwischen Schulter und Kopf, und als sie den Bogen vorsichtig beiseite gestellt hat, nimmt sie ebenso vorsichtig, fast zärtlich ihre Geige und setzt sie ab. Langsam weicht ihre konzentrierte Anspannung dem Bewusstsein darüber, gute Arbeit abgeliefert zu haben. Ihr ernster Blick weicht sich ein wenig auf. Ein wenig verschüchtert wirkend, lächelt sie ins Publikum, erst zaghaft, dann bestimmter.

Der erste Klatscher durchbricht die Stille.

Über sushey

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