Elaine und die Liebe im Mixtape

„Eigentlich wollte ich dir kein Mixtape machen, aus Angst, dass du dich in einen der Musiker verliebst.“

„Aber du hast doch eins aufgenommen und mir geschenkt?“

Daniel lächelte leicht verlegen: „Vielleicht ist Musik wichtiger als Liebe.“

Elaine lachte: „Du könntest also eher damit leben, dass ich mich in einen Musiker verliebe, als dass ich diese Songs nicht höre?“

Sie hatte sich jetzt schon seit einigen Wochen mit Daniel getroffen; sie hatten gemeinsam Bier getrunken, am Flussufer gesessen, waren zusammen Rad gefahren – und ihre Unterhaltungen kamen stets auf das Thema Musik zurück. Sie mochten unterschiedliche Musik, hatten aber eine große Schnittmenge an Songs und Bands, die sie beide gerne mochten. Eine Weile lang hatten sie sich Youtube-Videos hin und her geschickt, und nun hielt sie ein Mixtape in der Hand.

Ja, es war tatsächlich eine echte Kassette, eines von diesen uralten Dingern mit Tonband drin, die irgendwie immer Bandsalat verursachten.

„Ähm. Dankeschön, ich meine, das ist wirklich cool. Aber ich habe nichtmal mehr einen CD-Player… wie soll ich…“

Daniel unterbrach sie: „Deswegen habe ich dir auch noch das hier mitgebracht.“ – und reichte ihr einen Walkman. Quietschgelb, eckig, garantiert aus den Achtzigern, natürlich von Sony.

Elaine wusste nicht, was sie sagen sollte. Es war Ewigkeiten her, dass sie auch nur ansatzweise etwas Vergleichbares geschenkt bekommen hatte; vielleicht hatte sie auch noch nie ein so schräges Geschenk bekommen. Schräg und irgendwie süß.

Sie drückte Daniel sehr fest und sie küssten sich zum ersten Mal, lang und innig.

„Danke.“ , sagte sie, als sie sich wieder voneinander lösten.

„Noch nicht. Du weißt ja nicht, ob dir die Musik überhaupt gefällt.“ – Daniel sagte dies mit dem heiligen Ernst, mit dem ein wirklicher Musikliebhaber jemandem ein Mixtape schenkte. Dies war nicht nur eine Kassette mit willkürlich zusammengeklickten Songs; er hatte Tage daran gesessen, sich Lieder herausgesucht, die ihn schon lange bewegten, hatte aus der – sehr langen – Liste mehr und mehr aussortiert, arrangiert, ausgetauscht, gezweifelt und gefeilt, bis er schließlich fertig war. Zum Schluss hatte er feierlich die Kopierschutzlaschen herausgebrochen. Wirklich zufrieden würde er allerdings erst sein, wenn Elaine es auch mögen würde.

„Danke für die Idee und die Arbeit.“ , antwortete Elaine mit einem leisen, hintergründigen Lächeln, „Und dass du das Risiko eingehst, mich an die Musik verlieren.“ – sie kicherte und gab ihm noch einen Kuss: „Auch wenn die Musik das hier nicht kann.“

„Wenn du damit einverstanden bist, höre ich das Tape jetzt noch nicht. Denn das möchte ich mit Kopfhörern, wenn ich nicht abgelenkt bin, und dann müsstest du dastehen und könntest es nicht hören und das wäre dann doof.“

Jetzt lächelte Daniel: „Ja, und ausserdem möchte ich noch ein bisschen Zeit mit dir verbringen. Bier?“

„Gerne.“

Er hatte ihr extra ein Kölsch mitgebracht, ihr Lieblingsbier. Sie hatten sich schon darüber unterhalten, und als er aufgezählt hatte, was er an ihr mochte und was nicht, gesagt: „Dass du Gaffel trinkst, ist ein bisschen doof – aber es wird mehr als ausgeglichen dadurch, dass du R.E.M. magst.“ –  man wusste nur nicht genau, wie der Umrechnungskurs war. Entsprach ein Gaffel einem Song? Einem ganzen Album? Einfach der Anzahl der Jahre, welch sie die Band schon kannte? Einen ganzen Abend lang hatten sie diese schwere Frage erörtert, ohne zu einem konkreteren Ergebnis zu kommen als: hier unterhalten sich zwei miteinander, die sich mögen, und sie haben so viel Spaß daran, dass das Thema eigentlich egal war.

Später, als Daniel gegangen war, setzte Elaine sich glücklich und gespannt hin. Sie dachte an Daniel und vermisste ihn ein bisschen, wollte nun aber hören, was auf der Kassette war.

Sie drückte auf PLAY.


Und später, mitten im Tape, dachte sie: „Die Stimme vom alten Blackmail-Sänger ist schon sehr, sehr sexy…“

Über sushey

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