Mit Odysseus von Kopenhagen nach Berlin (3/3)

… als der ICE in den Bahnhof einrollt, wollen Philipp und ich es nicht wirklich wahrhaben – in den Dingern darf man ja nur Klappies mitnehmen, wenn überhaupt. Auch die Schaffner geben uns unmissverständlich zu verstehen, dass wir gerne einsteigen können, aber dann die Räder draußen bleiben müssen. Wir stehen etwas betröppelt am Bahnsteig. Wat nu?

ice_faehre

…und wie kommt der ICE nach Dänemark? Klar, mit der Fähre!

Zum Glück sind diese Schwierigkeiten weit von uns entfernt, als wir auf dem sehr gepflegten Campingplatz ankommen. Es ist knalleheiß, die Fahrt hierher war ein wenig öde, da immer geradeaus und an der Hauptstraße entlang, und wir lassen uns zunächst häuslich nieder – auf der grünen Wiese mit Tisch-Bank-Kombination machen sich die Zelte und Fahrräder richtig gut.

Am frühen Abend fahren wir nach Kopenhagen hinein und trennen uns im Stadtzentrum. Was mir an Kopenhagen sofort angenehm auffällt, ist das angenehme und entspannte Miteinander von Autos und Rädern samt jeweiligen Fahrern. Das liegt zum Einen an der ausgeklügelten Infrastruktur, die beiderseitiges schnelles Vorankommen sichert, andererseits – vermutlich noch wichtiger: man nimmt sich gegenseitig ernst und Rücksicht aufeinander. Ich hoffe wirklich, dass der Radentscheid Ähnliches bewirken kann.

Philipp und ich entscheiden uns dafür, das Stadtzentrum Kopenhagens samt weltberühmter Fußgängerzone zu besichtigen, lockeres Ziel Nyhavn, mit den Zwischenzielen Eis und Abendessen. Wie es sich für einen Sonntag Abend gehört, ist die Fußgängerzone reichlich verwaist. Und dann sehen wir den Eisladen.

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Da ist das Ding! Schokosorbet, Lakritze und Vanille-Sesamnomnom.

Das Eis schmeckt hervorragend und dämpft den Hunger ein wenig; wir schlendern also in Richtung des schönen alten Handelshafens Nyhavn, der von bunten Häusern gesäumt ist, die fast allesamt (hochpreisige) Restaurants beherbergen. Und hier tummeln sich auch die Menschen, die wir in der Fußgängerzone vermisst haben. Sehr hübsche Szenerie, aber nicht ganz unsere Preiskategorie. Wir laufen den Hafen einmal herunter, um das am Wasser gelegene Theater herum und versuchen dann in der Fußgängerzone unser Glück.

Schließlich lassen wir uns in einem urdänischen Irish Pub nieder und bestellen uns Fish und Chips. Das Essen ist lecker, aber es sind auch ein paar Resident Drunks anwesend, deren lautestes Mitglied vor lauter Entzücken, wir seien echte Deutsche, nicht an sich halten kann. Es stellt sich schnell heraus, dass er ein waschechter Neonazi ist, den wir schnell in argumentative Widersprüche verwickeln können, was an seinem verqueren Weltbild leider nicht viel ändert. Irgendwann verliert er das Interesse und trinkt lieber weiter.

Am nächsten Morgen versuchen wir zunächst, ein Rückfahrticket zu buchen. Die Idee ist, dass Jule, Jan und ich nach Berlin fahren und Philipp Höhe Kiel rauswerfen. Der Mann am Schalter ist sehr freundlich und kompetent und schlägt vor, dass wir das doch in drei bis vier Tagen machen können. Meinen zaghaften Einwurf, ich müsse aber schon am nächsten Tag in Berlin sein, nimmt er zwar ernst, aber mit Rädern und so, mit zwei Bahnbetreibern (Dänische und Deutsche Bahn) und überhaupt… ob wir denn sicher seien, dass wir unbedingt jetzt und unbedingt nach Berlin wollen? Nach längerem Hin und Her haben wir einen bruchstückhaften Plan: Jan und Jule fahren nach Gedser und nehmen die Fähre nach Rostock. Da es Schienenersatzverkehr gibt, kann ich nicht mit; im Bus ist vermutlich nur Platz für zwei Räder. Ich entscheide mich also, mit Philipp Richtung Kiel zu fahren und dann mal zu schauen…
Wir stehen dann also irgendwann vor dem ICE und wissen nicht wirklich weiter. Schließlich nehmen wir einen späteren Zug nach Gedser; Philipp wird zwischendrin aussteigen und den Weg zurück radeln, ich versuche mein Glück ab Rostock mit Zug, Mitfahrgelegenheit, fliegendem Teppich – oder zur Not auch direkt mit dem Rad.

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Die südlichste Spitze Dänemarks.

Mit viel Glück und der Kooperation eines freundlichen Busfahrers komme ich auch tatsächlich gerade so rechtzeitig am Fährhafen an, um mit der 17-Uhr-Fähre zu fahren. Während ich in der Schlange darauf warte, dass die LKWs alle die Fähre verlassen, fällt mir eine Robbe¹ auf. Es handelt sich um einen Sprinter, und so ein kleines Fahrrad müsste da doch noch Platz haben…
Ich lungere also auf dem Parkdeck herum, bis ich sehe, wer dort aussteigt. Dann verhalte ich mich taktisch geschickt und warte, bis er gegessen hat, also satt, zufrieden und wehrlos ist.
Ich pirsche mich an den Tisch und frage, ob es nicht eventuell möglich wäre, so ein Stückchen mitzukommen, nach Berlin vielleicht? – und habe sehr viel Glück: der Fahrer ist ein sehr netter CD-Verkäufer, der normalerweise im Mauerpark in Berlin auf dem Sonntagsmarkt steht, aber in Dänemark zu einem Hanf- und Musikfest war. Er hat tatsächlich noch Platz, und so komme ich zu einer wunderbaren Mitfahrgelegenheit nach Berlin, Gespräche über Musik, Drogen, Kapitalismus und Dergleichen inklusive.

Somit habe ich das Kunstück vollbracht, als Letzter von uns Vieren die Heimreise anzutreten und als Erster anzukommen. Ein rundes Ende einer schönen Tour 🙂

¹Der jemeine Berliner weiß: damit ist kein Heuler, sondern ein Mietwagen gemeint. Meist etwas größere Transporter, die man schnell und unkompliziert z.B. für Umzüge² mieten kann.

²Ooch hier weiß der jemeine Berliner: Umzüge im Sinne von „Möbel von A nach B bringen“ und Umzüge im Sinne von „Mobile Bühne für den Karneval der Kulturen³ oder die Fete de la musique*“.

³Fest mit viel Musike.

*Noch een Fest mit viel Musike.

Teil 1 der Tour.
Teil 2 der Tour.

Teil 1 und Teil 2 beim radelmaedchen.

Schöne Doku: Mit dem Klappi von Kopenhagen nach Berlin

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Über sushey

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Eine Antwort zu Mit Odysseus von Kopenhagen nach Berlin (3/3)

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