Eindrücke vom Lollapalooza Berlin 2016 – die Bands

Ich war am vergangenen Wochenende beim Lollapalooza Berlin. Es hatte im Vorfeld ja einige Kontroversen um den Sinn und Unsinn eines Festivals im Treptower Park gegeben; in diesem Beitrag soll es zunächst nur um die Musiker gehen, die ich gesehen habe.

Aurora

Die norwegische Elfe Aurora Aksnes dürfte vielen durch den Song „Running With The Wolves“ bekannt sein, der von einem Telefondienstleister vereinnahmt wurde. Sie durfte mittags auf der Main Stage auftreten und hat einen mehr als soliden, sympatischen Auftritt hingelegt. Mithilfe ihres sphärischen Folk-Pop und einiger wilder Tanzeinlagen schaffte sie es, die große Bühne zu beleben – ihre scheinbar unbekümmerte Art, ihre Freude und der zeitweise an Dolores O’Riordan erinnernde Gesang waren sehr unterhaltsam.

The Temper Trap

„Es ist verdammt heiß hier. Aber ich behalte mein Hemd an – damit ich gut aussehe für euch.“ – dass der Temper Trap-Frontmann Dougy Mandagi sein Handwerk beherrscht, machte er nicht nur mit dieser Ansage deutlich, sondern dem ganzen Auftritt. Der Falsetto-Gesang – an wenigen Stellen leicht wacklig – die spielfreudige Band und zwei Ausflüge ins Publikum sorgten dafür, dass der mit einer Stunde ohnehin knapp bemessene Auftritt sehr kurzweilig wirkte. Dabei spielten sie unter anderem die wohlbekannten „Sweet Disposition“ und „Trembling Hands“, als auch einige Singles aus dem neuen Album. Ebenso wie das Hemd die ganze Zeit an blieb, war auch der Auftritt sehr gelungen.

Es lohnt sich übrigens sehr, in den Stream des australischen Radiosenders triple j hereinzuhören.

Róisín Murphy

Der Auftritt der ehemaligen Moloko-Sängerin ließ mich – ebenso wie anscheinend zahlreiche weitere Besucher ihres Gigs – ein wenig ratlos zurück. Der Sound ihrer Band sowie deren technische Fähigkeiten stehen denen ihrer alten Band in nichts nach; ebenso ist ihr Gesang immer noch genauso schön, ihr Rhythmusgefühl und ihre Intonation so spannend wie eh und je. Gerade im Vergleich zu Moloko fällt aber auf, dass ihre Musik weniger tanzbar und eingängig ist – es ist noch immer tanzbarer Elektropop – aber der Groove eines „Sing It Back“, „Indigo“ oder auch „Dumb, Inc.“ fehlen. Wenn man es positiv formulieren möchte: Róisín Murphy hat sich von Moloko emanzipiert und macht ihr eigenes Ding, ohne sich dem Pop allzu sehr anzubiedern.
Zu diesem eigenen Ding gehören auch ihre ständigen Kostümwechsel – auch während der Lieder – sodass sie konstant damit beschäftigt war, sich nicht in bizarren Hüten und Kleidern zu verheddern. Auch wenn ich es sehr begrüße, wenn Künstler unkonventionelle Wege gehen, hat sich mir der Sinn des Ganzen nicht erschlossen.  So war es ein leicht hektisch wirkender Auftritt mit wehmütigen Erinnerungen an ein fantastisches Konzert von Moloko, 2003 in Bremen. Ähnlich wie in dem Video war es dann auch in Berlin.

… mit noch knapp anderthalb Stunden Zeit und etwas Hunger, wurde es dann Zeit für

Radiohead

Um es vorweg zu nehmen: die Show der Briten war das absolute Highlight des Festivals und in meinen Augen – und Ohren – annähernd perfekt. Es begann mit dem Sample eines Gesprächs über Freiheit, welches in „Burn The Witch“ überging, dem Opener des aktuellen Albums „A Moon Shaped Pool“. Auch die vier folgenden Songs stammten in genau dieser Reihenfolge aus „A Moon Shaped Pool“ und wurden direkt hintereinander weg gespielt. Dabei wechselten die Musiker ihre Instrumente entsprechend der Erfordernisse des jeweiligen Songs; mit dabei war der zweite Schlagzeuger Clive Deamer. Ein kurzes „Dankeschön“ von Thom Yorke sorgte für ein Raunen im Publikum – der kann ja sprechen! – und weiter ging es. Die Band gab insgesamt acht Songs aus „A Moon Shaped Pool“ zum Besten; sowie vier aus „OK Computer“, des Weiteren eine Art best of ihres bisherigen Schaffens. „No Surprises“, „Idiotheke“ und „Paranoid Android“ – aus der ersten Zugabe – waren die weiteren Highlights des Sets, bis hin zur zweiten Zugabe, die – man hörte und staunte, und dann jubelte man – „Creep“ enthielt, nach der Ansage: „I know it, you know it, they know it.“ Abgerundet wurden diese zweieinhalb außergewöhnlichen Stunden von „Karma Police“ – inklusive Mini-Zugabe nur mit Thom Yorke, Akustikgitarre und mitsingendem Publikum.

Auch lichttechnisch war die Show allererste Sahne. Der Bühnenhintergrund wurde dominiert von sechs riesigen, hochkant stehenden LED-Leinwänden, zwischen denen jeweils sechs quadratische LED-Panels in einer Spalte montiert waren, die sich anscheinend um jede Achse frei bewegen konnten. Unterhalb dieses Ensembles befanden sich sechs Leinwände mit Gaze in mehreren Schichten, auf die von hinten abstrakte Muster projiziert wurden. Moving Lights wurden nur wenig in Szene gesetzt, Stroboskope – in wechselnden Farben – nur ab und an, Blinder gar nicht benutzt.  Die Leinwände wurden mit Nahaufnahmen der sechs Musiker bespielt, sodass trotz der Größe der Bühne und des Publikums ein Gefühl von Nähe aufkam – was auch so beabsichtigt ist. Die kleinen Panels wurden wahlweise ebenfalls mit Content bespielt (Flammen/Regen/Wolken) oder – auf die Musiker gerichtet – als Effektlicht benutzt. Dabei wurden Content und Effektlicht meistens im selben Farbton gehalten, es sei denn, es wurden Akzente gesetzt – am deutlichsten bei „Creep“ zu sehen, bei dem die Bühne in den ruhigeren Parts blau/grün beleuchtet wurde, an den Stellen mit lauter Gitarre aber jede verfügbare Lampe grell weiß leuchtete und damit wunderbar die Kontroversen und Brüche in und um das Lied kommentierte.
Bis auf eine kurzzeitige Signalstörung bei mehreren der kleineren Panels – die mit einem Reset behoben wurde – ist mir kein Fehler in der Show aufgefallen, sie war in sich konsistent, besaß eine klare Form- und Farbsprache, das Timing passte perfekt – ich habe selten eine so großartige Show gesehen. Alles in allem also ein mehr als beeindruckender Auftritt!

arte hat den Auftritt in voller Länge gefilmt und in die Mediathek gestellt.

Das Video zeigt die Lollapalooza-Show in Chicago, die bis auf wenige Songs identisch war.

Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
Dieser Beitrag wurde unter air, concerto, gesehen, musik abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Eindrücke vom Lollapalooza Berlin 2016 – die Bands

  1. Pingback: Eindrücke vom Lollapalooza Berlin 2016 – jenseits der Musik (1 von 2) | milchmithonig.de

Kommentar? Gerne!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s