Norge på langs

Plötzlich steht er da, mitten in der norwegischen Wildnis, und stellt fest, dass sein Zelt irgendwie abhanden gekommen ist. Nicht mal ein Viertel der Strecke geschafft, und eigentlich ist an diesem Punkt schon alles gelaufen. Oder?

Simon Michalowicz hatte laut eigener Aussage schon immer mittelschwer ausgeprägtes Fernweh, das er seit seiner Jugend mit Fahrradtouren und durch kleinere und größere Wanderungen durch Skandinavien gestillt hat. Irgendwann beschloss er, sich einen größeren Traum zu erfüllen und Norwegen komplett zu durchqueren.
Von Süd nach Nord. Knapp 3000 Kilometer. Zu Fuß. Allein.

norwegenDie Idee dieser Tour – unter Weitwanderern als „Norge på langs“ (Norwegen der Länge nach) bekannt – ist es, Norwegen auf voller Länge zu Fuß zu durchqueren, und zwar von Kap Lindesnes bis zum Nordkap (oder eben in Gegenrichtung). Es gibt keinen eindeutig festgelegten Weg – weil es manchmal eben keine Wege gibt – aber generell beläuft sich diese Tour auf etwa 2600 bis 3000 Kilometer.

Simon erzählt in seinem Buch „Norge på langs“ von seinem Versuch, Norwegen der Länge nach zu durchwandern. Er schreibt von anfänglichen Fußschmerzen, davon, dass er sich mehr vom Start erhofft hätte als Nieselregen und eine profane Entfernungsangabe. Er berichtet davon, dass die schiere Größe der Aufgabe wie eine Last auf einem liegen kann und wie klein man sich angesichts der Natur und dem Wetter fühlen kann. Und immer wieder auch davon, wie unglaublich schön und befriedigend, ja befreiend es sein kann, einfach nur zu wandern – einem Ziel entgegen, aber das Unterwegssein genießend.

Sehr authentisch, unterhaltsam und mit eindeutiger „Ruhrpott-Chuzpe“ berichtet er von seinen Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen. Er schreibt über Begegnungen und über großzügige und gastfreundliche Menschen, und das stets mit einem positiven Weltbild – was ihn nicht davon abhält, wie ein Rohrspatz zu fluchen, wenn etwas schief geht – und das tut es. Weil er „kein krasser Abenteurer“ ist, sondern ein ganz normaler Mensch, dem Fehler passieren und der auch selber an seine Grenzen stößt – und das macht das Buch sehr lesenswert. Simon schreibt unterhaltsam und bildhaft – man wähnt sich förmlich mit ihm im Fjell – und bleibt dabei sehr nahbar. Manchmal spürt man förmlich die Strapazen, leidet auf verregneten Etappen mit, fühlt die wohlige Heimeligkeit der Norwegischen Hütten.

Man nähert sich gemeinsam dem großen Ziel, und wie bei allen großen Abenteuern gibt es dabei Umwege in Kauf zu nehmen, Unwägbarkeiten zu überwinden, mit Rückschlägen umzugehen. Als Leser spürt man, dass sich nicht nur Simons Bart und Figur verändern, sondern eine mindestens ebenso große Reise in seinem Kopf stattfindet. Egal, wie diese Tour ausgeht, er wird ein komplett anderer Mensch sein. Dank seiner Offenheit und Ehrlichkeit kann man diese Wandlung wunderbar nachvollziehen, und das ist für mich einer der schönsten Momente im Buch: die Feststellung, dass das große Ziel zwar schön ist, aber der Weg dorthin viel wichtiger – und dass nicht immer alles glatt läuft, aber am Ende schon irgendwie wird – „Det order seg!“ wie die Norweger sagen würden.

Das Buch ist im Malik Verlag in Kooperation mit National Geographic erschienen, und dementsprechend wird die Erzählung mit einigen sehr schönen Bildern abgerundet. In seine Erzählung flechtet Simon auch immer wieder wertvolle Tipps zur Planung und Durchführung der Wanderung ein – nur seine Ernährungsgewohnheiten – Cola und Chips sind vielleicht nicht ganz empfehlenswert…

Ob er sein Zelt wiedergefunden hat, ob er es wirklich bis zum Nordkap schafft und was diese Reise ihm bedeutet, das lässt man sich am besten selbst erzählen – das Buch ist mehr als lesenswert!

www.simonpatur.de

Über sushey

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