José González und String Theory im Funkhaus

Man muss ein wenig Angst haben um die Gesundheit des Dirigenten, so sehr schwingt er den Taktstock, hüpft, wiegt und bewegt er sich zum Rhythmus. Mit aufforderndem Winken versucht er, das Crescendo der Bläser noch etwas zu forcieren, dann die Streicher zu etwas expressiverem Spiel zu bewegen, während das Schlagwerk schon seit Minuten einen drängenden Drum’n’Bass-Rhythmus spielt und damit „Down the Line“ einen ganz neuen Charakter verleiht. Das Orchester hat Spaß, das sieht man. Spaß an der Musik, Spaß an seinem Dirigenten und Spaß an dieser Mischung aus Klassik und Pop. Gut zwanzig Musiker auf der Bühne sind konzentriert am Arbeiten – nur der schmale Mann mit dem schwarzen Vollbart und der Akkustikgitarre vorne links neben dem Dirigenten scheint vollkommen entspannt seine hypnotischen Licks zu spielen. In den ruhigeren Momenten wirken Gesang und Gitarrenspiel gleichermaßen sanft und verletzlich – und dabei tragen sie wunderschöne, bisweilen schmerzhafte Melodien und Texte – doch jetzt gerade ist José González in seinem Element und fühlt sich wohl damit, Teil des großen Ganzen zu sein.


Das war an diesem Abend (leider) nicht immer so. Die runde Bühne des sehr schönen, alten Ostcharme verbreitenden Funkhauses ist im Boden versenkt und solchermaßen von großen Stufen umgeben, dass man von allen Seiten schauen kann – so lange alle sitzen oder alle stehen. Der Großteil des Publikums hatte sich entschlossen zu sitzen, sodass ein kleiner Teil stehenderweise vielen die Sicht verdeckte. Dies führte nach dem ersten Drittel des Konzertes zu lauten Zwischenrufen und Streitereien: man solle sich hinsetzen, im Gegenzug man solle doch aufstehen, und so weiter. Ein sichtlich verwunderter José González fragte seinen Dirigenten, was das Publikum denn von ihm wolle, und es ist seinem entspannten Naturell und sowohl seiner Professionalität als auch der des Dirigenten zu verdanken, dass der Abend eher besser wurde. Das Publikum beruhigte sich, und nach ein paar Wacklern fing sich auch der Sänger wieder. Der Dirigent schien eher angestachelt zu sein, es dem Publikum jetzt erst recht zu zeigen. Mit einem „Come on, Berliner, benehmt euch!“ drehte er sich um und begann den nächsten Song. Ich bin froh über diesen Verlauf der Dinge; ich kenne Musiker, für die wäre der Abend an dieser Stelle gelaufen gewesen. Man befindet sich auf der Bühne in einer sehr exponierten Position und bezieht logischerweise alles, was geschieht, auf sich. Es ist enorm anstrengend – auch wenn es Spaß macht – über anderthalb bis zwei Stunden eine möglichst fehlerfreie, mitreißende Show abzuliefern.

Was González und dem Orchester im Laufe des Abends gelang. Naturgemäß hielt er sich mit Ansagen sehr zurück, was ich begrüße. Ich muss nicht hören, ich sei das beste Publikum, bla bla bla. Was ich hingegen sehr gerne höre, ist ein Musiker, der sich und seine Musik weiterentwickelt. Das Orchester hat nicht nur den Soundtrack zu seinen Songs geliefert; sie wurden für und mit dem Orchester arrangiert und gewannen dadurch ganz neue Reize. Dabei besitzt González die Größe, sich selber zurückzunehmen, um das Orchester entsprechend scheinen zu lassen. Man konnte dies anfangs beim beeindruckenden „How Low“ (ab Minute 14 beim Mitschnitt aus London unten) hören; später insbesondere bei intimen Songs wie „Cycling Trivialities“,  das ein paar schöne Streichermelodien spendiert bekam, oder auch beim nach wie vor unnachahmlichen „Teardrop“, das gegenüber der reduzierten Originalverson eher noch an Charakter gewann (um den Song zu verhunzen, muss man sich aber auch Mühe geben). Auch „Crosses“ kam in völlig neuem Gewand daher.

Der gute Sound und der schöne Konzertsaal taten ihr Übriges. Ich bin froh, José González live gesehen zu haben. Es ist unglaublich, wie viel schöne Musik in diesem Menschen steckt, und wie intensiv er sie spielt. Natürlich an diesem Abend auch dank eines hervorragenden Orchesters.

Website: http://www.jose-gonzalez.com/

The String Theory: http://wearethestringtheory.org/

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Über sushey

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