Elaine und der Spiegellampenschirm

Die Kugel leuchtet von innen heraus, während Elaine sich in zigfacher Spiegelung sieht und völlig hingerissen ist. Sie schaut sich die Kugel genauer an, die aus zahlreichen Spiegelsteinen besteht, jeder für sich etwa 1cm mal 1cm groß. Die Kugel wirkt wie eine normale Spiegelkugel, nur dass eben im Inneren eine Lampe steckt. Und man würde überhaupt nichts vom Licht sehen, würde es nicht genau an den Fugen von den Spiegeln gebrochen werden – und so wirkt es, als leuchtete die Kugel von innen heraus, während sie auf der Oberfläche dunkel ist. Und mit den Spiegeln ist es ähnlich: sie leuchten nur an den Kanten, an denen das Licht sich bricht.

So ein Ding baue ich mir für zuhause, denkt Elaine sich, während sie an ihrem Bier nippt. Ihr gefällt der scheinbare Widerspruch aus dem inneren Leuchten und der äusseren Dunkelheit. Ohne Schatten kein Licht, das hatte ein befreundeter Lichttechniker mal anhand der Lichtshow eines Konzertes erklärt. Ohne Schatten kein Licht, und das Licht muss sich irgendwo brechen oder reflektieren. Es braucht ein Medium, damit man es sieht.

So wie mit den Spiegeln, und sie findet den Gedanken lustig, dass die Kanten der Spiegel leuchten, die Spiegel selber aber nicht.

Die Tresenfrau schaut Elaine ein wenig konsterniert an, entscheidet dann aber, dass das Bier noch voll genug ist und widmet sich wieder dem Gespräch ihrer Bekannten.

Elaine schaut sich in der Kneipe um. Leicht verqualmt, alte, gut benutzte Holzmöbel. Der Tresen von bunten Aufklebern beklebt und jenseits der Zapfhähne ein heilloses Durcheinander aus Flyern, Gläsern, Flaschen, der Kasse, Notizzetteln, dem Computer, aus dem nun Pearl Jam läuft. Der Tresen und das Rückbüffet wirken genauso selbstgebaut und -verwaltet wie der Rest der zurückhaltend und leicht schummerig in Rot und warmem Weiß beleuchteten Kneipe, alle Lichtquellen entweder alte Lampenschirme oder ähnliche Objekte wie die Spiegelkugel. Der Holzfußboden knarzt leicht, wenn man drüberläuft, und Elaine findet es nur konsequent, dass die Kneipe sich halb im Souterrain in einer Ecke des Platzes befindet, in dessen Mitte sich eine Kirche erhebt, massiv, erhaben, aber auch ein wenig drohend. Wenn Elaine aus dem Fenster schaut – es nieselt schon seit Stunden, und ab und an huschen Passanten durch das Halbdunkel – dann scheint das Pflaster bis zum Horizont zu reichen, weil die Kneipe am unteren Ende des Platzes liegt. Aus ihrer Perspektive rechts erheben sich die gewaltigen Fundamente der barocken Kirche.

Am Nebentisch wird laut gelacht, am Kicker in der Ecke intensiv um Tore gerungen. Die Gespräche an den weiteren Tischen verbinden sich zu einem angenehmen Murmeln, das erstaunlich gut mit der Musik harmoniert. Die Tresenfrau öffnet mehrere Biere, und eines davon macht kein lautes „Fump“ sondern nur ein „Sssschwisch“, ein Geräusch, das Elaine immer ein bisschen unbefriedigend findet. Schlimmer noch ist es bei den Flensbuger-Flaschen mit den Bügelverschlüssen; wenn die sich nicht mit einem lauten „Plopp“ öffnen, dann kann man das Bier auch gleich vergessen – meinte jedenfalls derselbe Mensch, der ihr auch die Sache mit dem Licht erklärt hatte. Elaine hatte ihr Flens trotzdem getrunken und nichts Falsches daran gefunden, außer dass eben das Geräusch des Öffnens unbefriedigend gewesen war.

Sie erinnert sich, dass eine wilde Diskussion darüber entbrannt war, ob zum Gesamterlebnis Bier, wie er es genannt hatte, das Öffnen gehörte oder nun nicht, und man war sich einig geworden, dass es nicht ganz unerheblich sei und bei Flaschen mit Bügelverschluss definitiv schlimmer als bei Flaschen mit Kronkorken, und Schraubdeckel gingen nun mal gar nicht. Jedenfalls für Bier.

Elaine denkt kurz an diesen Abend zurück und dann in wilder Assoziation an den diesjährigen Nobelpreis für Physik, den die Forscher für den Nachweis von Gravitationswellen bekommen haben. Sie hatte sich das Signal angehört, das die Forscher ausgewertet haben.

„Swuip“ machen die Gravitationswellen, denkt sich Elaine, ein wenig unbefriedigend und wenig spektakulär für so eine krasse Entdeckung und fragt sich, wie wohl der Big Bang geklungen haben mag. Kichernd stellt sie sich vor, mehrere Universen wären mit einem „FUMP“ entstanden und eins eben mit einem „Sssschwisch“ und fragt sich, in welchem sie wohl lebt.

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Über sushey

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