Elaine und der Spiegellampenschirm

Die Kugel leuchtet von innen heraus, während Elaine sich in zigfacher Spiegelung sieht und völlig hingerissen ist. Sie schaut sich die Kugel genauer an, die aus zahlreichen Spiegelsteinen besteht, jeder für sich etwa 1cm mal 1cm groß. Die Kugel wirkt wie eine normale Spiegelkugel, nur dass eben im Inneren eine Lampe steckt. Und man würde überhaupt nichts vom Licht sehen, würde es nicht genau an den Fugen von den Spiegeln gebrochen werden – und so wirkt es, als leuchtete die Kugel von innen heraus, während sie auf der Oberfläche dunkel ist. Und mit den Spiegeln ist es ähnlich: sie leuchten nur an den Kanten, an denen das Licht sich bricht.

So ein Ding baue ich mir für zuhause, denkt Elaine sich, während sie an ihrem Bier nippt. Ihr gefällt der scheinbare Widerspruch aus dem inneren Leuchten und der äusseren Dunkelheit. Ohne Schatten kein Licht, das hatte ein befreundeter Lichttechniker mal anhand der Lichtshow eines Konzertes erklärt. Ohne Schatten kein Licht, und das Licht muss sich irgendwo brechen oder reflektieren. Es braucht ein Medium, damit man es sieht.

So wie mit den Spiegeln, und sie findet den Gedanken lustig, dass die Kanten der Spiegel leuchten, die Spiegel selber aber nicht.

Die Tresenfrau schaut Elaine ein wenig konsterniert an, entscheidet dann aber, dass das Bier noch voll genug ist und widmet sich wieder dem Gespräch ihrer Bekannten.

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Elaine und die Liebe im Mixtape

„Eigentlich wollte ich dir kein Mixtape machen, aus Angst, dass du dich in einen der Musiker verliebst.“

„Aber du hast doch eins aufgenommen und mir geschenkt?“

Daniel lächelte leicht verlegen: „Vielleicht ist Musik wichtiger als Liebe.“

Elaine lachte: „Du könntest also eher damit leben, dass ich mich in einen Musiker verliebe, als dass ich diese Songs nicht höre?“

Sie hatte sich jetzt schon seit einigen Wochen mit Daniel getroffen; sie hatten gemeinsam Bier getrunken, am Flussufer gesessen, waren zusammen Rad gefahren – und ihre Unterhaltungen kamen stets auf das Thema Musik zurück. Sie mochten unterschiedliche Musik, hatten aber eine große Schnittmenge an Songs und Bands, die sie beide gerne mochten. Eine Weile lang hatten sie sich Youtube-Videos hin und her geschickt, und nun hielt sie ein Mixtape in der Hand.

Ja, es war tatsächlich eine echte Kassette, eines von diesen uralten Dingern mit Tonband drin, die irgendwie immer Bandsalat verursachten.

„Ähm. Dankeschön, ich meine, das ist wirklich cool. Aber ich habe nichtmal mehr einen CD-Player… wie soll ich…“

Daniel unterbrach sie: „Deswegen habe ich dir auch noch das hier mitgebracht.“ – und reichte ihr einen Walkman. Quietschgelb, eckig, garantiert aus den Achtzigern, natürlich von Sony.

Elaine wusste nicht, was sie sagen sollte. Es war Ewigkeiten her, dass sie auch nur ansatzweise etwas Vergleichbares geschenkt bekommen hatte; vielleicht hatte sie auch noch nie ein so schräges Geschenk bekommen. Schräg und irgendwie süß.

Sie drückte Daniel sehr fest und sie küssten sich zum ersten Mal, lang und innig.

„Danke.“ , sagte sie, als sie sich wieder voneinander lösten.

„Noch nicht. Du weißt ja nicht, ob dir die Musik überhaupt gefällt.“ – Daniel sagte dies mit dem heiligen Ernst, mit dem ein wirklicher Musikliebhaber jemandem ein Mixtape schenkte. Dies war nicht nur eine Kassette mit willkürlich zusammengeklickten Songs; er hatte Tage daran gesessen, sich Lieder herausgesucht, die ihn schon lange bewegten, hatte aus der – sehr langen – Liste mehr und mehr aussortiert, arrangiert, ausgetauscht, gezweifelt und gefeilt, bis er schließlich fertig war. Zum Schluss hatte er feierlich die Kopierschutzlaschen herausgebrochen. Wirklich zufrieden würde er allerdings erst sein, wenn Elaine es auch mögen würde.

„Danke für die Idee und die Arbeit.“ , antwortete Elaine mit einem leisen, hintergründigen Lächeln, „Und dass du das Risiko eingehst, mich an die Musik verlieren.“ – sie kicherte und gab ihm noch einen Kuss: „Auch wenn die Musik das hier nicht kann.“

„Wenn du damit einverstanden bist, höre ich das Tape jetzt noch nicht. Denn das möchte ich mit Kopfhörern, wenn ich nicht abgelenkt bin, und dann müsstest du dastehen und könntest es nicht hören und das wäre dann doof.“

Jetzt lächelte Daniel: „Ja, und ausserdem möchte ich noch ein bisschen Zeit mit dir verbringen. Bier?“

„Gerne.“

Er hatte ihr extra ein Kölsch mitgebracht, ihr Lieblingsbier. Sie hatten sich schon darüber unterhalten, und als er aufgezählt hatte, was er an ihr mochte und was nicht, gesagt: „Dass du Gaffel trinkst, ist ein bisschen doof – aber es wird mehr als ausgeglichen dadurch, dass du R.E.M. magst.“ –  man wusste nur nicht genau, wie der Umrechnungskurs war. Entsprach ein Gaffel einem Song? Einem ganzen Album? Einfach der Anzahl der Jahre, welch sie die Band schon kannte? Einen ganzen Abend lang hatten sie diese schwere Frage erörtert, ohne zu einem konkreteren Ergebnis zu kommen als: hier unterhalten sich zwei miteinander, die sich mögen, und sie haben so viel Spaß daran, dass das Thema eigentlich egal war.

Später, als Daniel gegangen war, setzte Elaine sich glücklich und gespannt hin. Sie dachte an Daniel und vermisste ihn ein bisschen, wollte nun aber hören, was auf der Kassette war.

Sie drückte auf PLAY.


Und später, mitten im Tape, dachte sie: „Die Stimme vom alten Blackmail-Sänger ist schon sehr, sehr sexy…“

Elaine und die Musik im Menschen

„Kriegst du so eigentlich alle deine Mädchen rum?“
Langsam lösen Elaine und Jan sich ein wenig. Sie lag in seinen Armen, aber jetzt richtet sie sich auf, bringt ein wenig Distanz zwischen ihre Köpfe und schaut ihm in die Augen.

„Wenn ich jemandem so etwas vorspiele, wie dir gerade, dann geht es längst um was ganz Anderes, als dich rumzukriegen.“, meint er und schaut sie ernst und durchdringend an.

Elaine ist interessiert und ein bisschen amüsiert: „Ja? Ich dachte, es geht immer nur ums Mädchen rumkriegen. Worum ging es denn dann?“

Jans Blick richtet sich auf einen nur für ihn sichtbaren Punkt in der Ferne, während er nachdenkt und ausholt. Es ist derselbe Gesichtsausdruck, mit dem er eben für eine halbe Stunde Gitarre gespielt hat, und obwohl Elaine wusste, dass er das für sie getan hatte, so spürte sie auch, dass er gänzlich woanders gewesen war, als er gespielt hatte.
Sie hatte es der Musik angehört: Die ersten paar Minuten hatte er sich warmgespielt, ein paar Skalen hier, der ein oder andere Akkord da, kleinere Riffs. Einzelne Versatzstücke, die nichts miteinander zu tun hatten. Irgendwann dann war sein Spiel zusammenhängender und melodischer geworden. Er hatte begonnen, sich in einzelne Abschnitte zu versenken – die jetzt auch zueinander stimmig waren – und sein Blick wandte sich mehr und mehr in die Ferne. Sie hatte irgendwann das Gefühl, er nähme nicht mehr wahr, dass sie auf dem Bett saßen, sie auf die Kissen gelehnt mit Blick Richtung Fenster, er an der Wand mit Blick Richtung Raum.
Sie wusste nicht, was er spielte – und er hinterher auch nicht mehr so genau – aber sie spürte, dass hier etwas Einmaliges entstand und was es bedeutete – sie konnte sich nur noch selten so in eine Sache versenken, wie es Jan gerade getan hatte.

Und irgendwann kehrte sein Blick zurück. Er schaute leicht perplex auf die Gitarre, ganz so, als wunderte er sich, was sie dort eigentlich machte, und dann legte er sie vorsichtig beiseite und lächelte Elaine ein wenig schüchtern an.

Das war der Augenblick gewesen, in dem sie entschieden hatte, ihn zu küssen.
Es war einer jener Küsse, der die Welt veränderte. Jedenfalls Elaines und Jans; vorher waren sie befreundet gewesen, hatten sich hin und wieder getroffen, ihre Nähe genossen – aber das alles eben unverbindlich.
Dieser Kuss veränderte ihre Beziehung. Er machte sie von Freunden zu einem Paar, und jetzt würden sie sich noch einmal ganz neu kennenlernen.
Und so war auch der Kuss, zögernd erst, Lippen auf Lippen, die Zungen langsam und vorsichtig tastent, dann immer mehr forschend, und schließlich leidenschaftlich. Sie spürte erst eine Reaktion in seinem Unterleib, und dann auch in ihrem…

Und dann hat sie sich von ihm gelöst und ihn gefragt.

„Nein, es geht nicht ums Rumkriegen. Zumindest mich hast du schon rumgekriegt, wenn ich dir so etwas spiele, wie das eben gerade. Es ist mehr so… mehr so eine Art Tür. Wenn ich so spiele, wie eben gerade, dann lade ich dich ein, dann zeige ich dir etwas von mir, das nur Wenige kennen – aber ich will, dass du es kennst. Ich will, dass du mich kennst.“

Elaine lächelt ein wenig: „Jetzt haben wir uns zumindest ein bisschen besser kennengelernt. Ich finde das gar nicht so schlecht.“

Und sie küssen sich erneut.

Später, als sie zusammengekuschelt einschlafen, und Elaine Jan atmen hört, seinen Herzschlag spürt, denkt sie: „Darum geht es doch eigentlich. Herauszufinden, welche Musik in welchem Menschen spielt.

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