An der Kletterwand

In der Boulderhalle ist es immer laut. Es läuft Musik – meistens irgendeine Form von Techno oder House, das muss bei den hippen Profis anscheinend so sein – oft sind sehr viele Menschen da, reden miteinander, feuern sich gegenseitig an, bouldern. Ein Gewirr aus Melodien, Stimmen, Geräuschen, das dem visuellen Durcheinander entspricht, bestehend aus bunten Grifffarben, den grün und weiß gestrichenen Wänden, den vielfältig gekleideten Menschen und dem allgegenwärtigen Nebel aus Chalk, also dem Magnesium, das man zur Trocknung der Hände benutzt.

Die völlige Reizüberflutung.

Als ich an die Wand trete, um die nächste Route zu bouldern, interessiert mich das alles nicht mehr. Ich wische die Hände an der Hose ab – gleichwohl, um den Schweiß abzutrocknen, als auch Ritual, um mich zu fokussieren – und konzentriere mich auf die Startgriffe. Heute grau, das ist der schwerste Schwierigkeitsgrad.
Mit der Linken nehme ich die beiden Griffe in Schulterhöhe in die Zange, die Rechte greift die winzige Tasche ein wenig tiefer. Den linken Fuß stelle ich auf den kleinen Tritt gerade über der Matte, spanne den ganzen Körper an. Den rechten Fuß werde ich, sobald ich mich hochgehoben habe, als Stütze in die Wand rechts stellen.

Und schon bin ich im Tunnel. Die Hintergrundkulisse schrumpft auf ein Rauschen zusammen.

Ich sehe meine Route klar vor mir, weiß, welche Bewegungen ich machen muss, wo Schwierigkeiten sind, wo ich Hände und Füße hinsetze. Ab jetzt zählt, Schritt für Schritt, nur noch der nächste Stein. Ich hänge an den Händen, stelle Rechts in die Wand und richte mich mit Links auf. Erhöhe den Druck in der linken Hand, denn die rechte Hand löse ich nun, um den großen Griff rechts über mir zu greifen. Eine Zange, also auch hier Druck. Nur mit den Händen kann ich mich nicht halten; ich setze also den rechten Fuß auf einen kleinen Tritt nach links und klemme den Hacken des rechten Fußes hinter die gerade freigewordene Tasche. Jetzt kann ich die linke Hand neben die Rechte setzen, um mit der Rechten an den nächsten großen Griff auf gleicher Höhe weiter rechts zu kommen. Ich spanne die linke Wade an, denn der rechte Fuß wird sich lösen, und wenn ich dann links den Halt verliere, falle ich aus der Route.

Mittlerweile sind auch alle Bauchmuskeln so angespannt, dass ich bewusst ans Atmen denken muss.

Ich setze die rechte Hand um, Vollspannung. Jetzt muss es schnell gehen. Linker Fuß zieht, Rechts sucht sich den flachen Tritt weiter unten. Ich kann nicht schauen, fühle ihn aber. Drauf stehen kann ich nicht, aber er gibt mir genug Halt, dass ich nicht abrutsche. Die Hände schulterbreit auseinander seitlich auf die Griffe gelegt, müssen sie nun mein Gewicht auffangen, denn den linken Fuß setze ich nun auf den Startgriff der rechten Hand. Das heißt auch, dass sich mein Körper so dreht, dass die Fingerspitzen der rechten Hand zu mir zeigen, den Ellenbogen von mir weggedreht. Der anstrengendste Zug der ganzen Route.

Ich weiß, ich kann die Kraft vielleicht fünf Sekunden aufbringen, danach werde ich
abrutschen – ob ich will, oder nicht.

Der Fuß ist umgesetzt, der rechte Arm unter Volllast. Ich spüre, wie sehr die Muskeln beansprucht werden und fühle förmlich, wie die Energie nachlässt. Aber ich kann mich das kleine Stück hochziehen und mich über die Diagonale von rechter Hand und linkem Fuß so nach rechts drehen, dass ich mit der linken Hand den kleinen Untergriff über mir greifen kann. Ich schiebe mich weiter hoch, drehe mich jetzt nach links, setze den linken Fuß auf den Griff, den ich eben mit links festgehalten habe und drehe mich so weit, dass die rechte Hand Überkreuz nach links den Griff packen kann. Den rechten Fuß auf den freigewordenen Griff der rechten Hand stellen, und kurz durchschnaufen. Das war die komplexeste und anstrengendste Bewegungsfolge.
Ich nutze meinen Schwung und greife mit Links gleich an die Kante links. Rechts kann jetzt dazukommen – mein Körper sieht jetzt aus wie ein C, das nach links gedreht ist. Den linken Fuß kann ich jetzt wieder auf den Startgriff der rechten Hand stellen, den rechts drehe ich so ein, dass ich mit den Zehen hinter den linken großen Griff haken kann – ich muss mich mit meinem Oberkörper nach links beugen, um den Schlussgriff berühren zu können; der ist aber so flach, dass ich ihn nicht halten kann, das macht also der rechte Fuß.
Ich beuge mich langsam rüber, immer darauf achten, dass ich mit Links nicht abrutsche und Rechts zieht, zieht, zieht. Ganz langsam kann ich die linke Hand an den Schlussgriff führen, und nachdem Rechts noch mehr zieht und der Körper stabilisiert ist, führe ich die rechte Hand nach. Geschafft!

Keine Ahnung, ob, und falls ja, welche Musik lief.

Sammelsurium

Es gibt ein paar Ideen für „richtige“ Blogreinträge, aber die sind entweder noch nicht ausgereift, mir gerade zu anstrengend, oder die Zeit ist noch nicht reif (ich hatte eine Adventskalenderidee vier Tage nachdem die Adventszeit angelaufen war).

So wird dies eine bunte Themensammlung.

Arbeit, Arbeit
Seit ich aus Australien wieder da bin (immerhin Ende September), habe ich fast pausenlos gearbeitet. Das liegt ein bisschen daran, dass der Herbs nunmal Erntezeit ist (zwei meiner Auftraggeber haben im Herbst/Winter Hochsaison), ich mich ein bisschen ablenken wollte und letzten Endes das Geld auch gut gebrauchen kann.
Angenehmer Nebeneffekt: meine finanzielle Situation ist so gut wie lange nicht mehr, und jetzt, da der erste Tag meines Winterurlaubs beginnt, kann ich mit zufriedener Erschöpfung auf einen arbeitsamen, aber auch sehr gut gelaufenen Herbst zurückblicken.

In Zahlen:

Chorkonzert

Zu „Diverses“ gehört auch ein Konzert (das Debutkonzert!) des Berliner Chores „Spheregroove“, für den ich den Ton gemacht habe. Das habe ich in dieser Form zum ersten Mal gemacht, und da ich gleichzeitig den Live-Mitschnitt gemacht habe, habe ich Blut und Wasser geschwitzt, bis es wirklich so (gut) klang, wie es klingen sollte – aber anscheinend habe ich überzeugt: mir wurde gleich der nächste Job angeboten…

Lieblingsfragen

Auf den vielen Veranstaltungen gibt es immer wieder die gleichen Kundenfragen, und einige davon finde ich inzwischen sehr amüsant:

Können Sie das?!?

  • diese Frage stellt man gerne im Zusammenhang mit Präsentationen, die ich abspielen, Mikros, die ich lautmachen, Computer, die ich fitmachen soll. Meistens lautet meine Antwort irgendwas wie: „Weiß ich noch nicht.“ oder „Ich denke mal schon.“ oder auch ganz profan: „JA.“ – und meistens bekomme ich die Präsentationen abgespielt, die Mikros laut, den Computer fit.
    Die Frage – obschon sie ehrenrührig ist, nehme ich nicht persönlich, ganz im Gegensatz zur oft gehörten Abwandlung der Frage:

Können Sie das?!?

  • das nehme ich nun doch persönlich. Nach inzwischen gut 10 Jahren Berufserfahrung, der vorhergehenden dualen Ausbildung, nach etwa 500 Veranstaltungen, die ich betreut habe, nach dem persönlichen (perfektionistischen) Interesse an dem, was ich tue:
    JA.
    ICH.
    Kann es.
    Aber ich denke, diese Frage sagt weniger über mich aus, als über die Erfahrungen, welche die Kunden bisher gemacht haben.

Kann man das lernen?

  • man kann, und es hilft. Genauso wie man Bäcker/in, Busfahrer/in, Medizin oder Informatik lernen kann. Es ist sogar eine richtige Ausbildung, mit Prüfung und Allem.
    Nur mit den dusseligen Fragen der Kunden umzugehen, dass muss man selber lernen.

Das Mikro hat ja gar nicht gepfiffen…

  • richtig, denn das ist mein Job. Ich weiß, dass nach unzähligen schlechten amerikanischen Komödien fast jede/r erwartet, ein Mikrofon müsse zwangsläufig koppeln (also pfeifen), sobald man es auch nur in die Hand nimmt. Das zu verhindern ist mein Job, genauso wie es der Job des Busfahrers ist, einen Verkehrsunfall zu verhindern. Übrigens kann man mit ein bisschen Erfahrung hören, wann das Mikro kurz davor ist, rückzukoppeln – und dementsprechend kann ich reagieren, bevor es pfeift.
    Auch diese Aussage sagt eine Menge über die bisherigen Erfahrungen der Kunden aus.

(Papp)möbel
Unter meinem Arbeitspensum hat nicht nur mein Privatleben gelitten (habe ich noch Freunde? und wenn ja, wo?) – auch meine Wohnung befindet sich noch immer in einem reichlich uneingerichteten Zustand. Aber ich habe angefangen, das zu verändern: dieser Blogeintrag wurde auf einem Schreibtisch aus Pappe geschrieben, vor dem ich auf einem Papphocker sitze. Ein Garderobenelement ersetzt den Schrank, und ein Regalelement ist ab sofort mein Nachttisch. Auch wer keine Möbel kaufen will, nett anzuschauen sind sie schon: www.pappmoebelshop.de
Vor Allem freue ich mich auf den nächsten Umzug: auseinandernehmen, platt falten, fertig! Und leicht sind sie auch noch.

Werder
Macht mir große Sorgen, auch wenn das Pokalspiel gegen Gladbach eine tolle Überraschung war. Bittebitte noch irgendwie ein Sieg gegen Frankfurt, damit ich in der Winterpause keine grauen Haare bekomme.

Die ich im Übrigen vielleicht schon habe.

Um mich zu entspannen, gehe ich gerne

Bouldern
Dort war es eigentlich mein Ziel, bis Weihnachten mindestens eine Route des höchsten Schwierigkeitsgrads klettern zu können. Um es vorweg zu nehmen: das Ziel habe ich nicht erreicht. Aber ich war seit September sehr häufig und regelmäßig bouldern und bin kurz vor dem schwierigsten Schwierigkeitsgrad. Mir fehlen vielleicht noch 5 Prozent – oder zwei Wochen mit je drei Trainingseinheiten je Woche – ich bin also in Schlagdistanz. Viel wichtiger: ich habe mehr Spaß am Bouldern denn je, bin trotz meines Ehrgeizes sehr entspannt, wenn es mal nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle – und quasi nebenbei ist auch das Projekt „Manuelneuerbauch“ weit fortgeschritten.
Das Allerwichtigste: ich bin unverletzt geblieben.

Driving home for Christmas
Ich werde mich morgen in einen Zug setzen. Ein gemütlicher alter IC. Ich werde mich ins Bordrestaurant begeben, mir einen Tee bestellen, mich an einen Tisch setzen und den Laptop aufklappen. Vielleicht Musik hören. Oder bloggen. Oder ein Buch lesen. Oder einfach auf die vorbeiziehende Landschaft starren.
Und ich werde es genießen.

Genauso, wie ich es genießen werde, dass es die wichtigste und einzige Aufgabe für die nächsten 10 Tage sein wird, rechtzeitig am Essenstisch zu sein.

Der Stammgast

Er ist ein unscheinbares Männchen, wie er so dasteht. Klein und dürr, was die ausgeblichene Bluejeans und der zu große graue Hoodie kaum zu verbergen vermögen.
Er trägt immer einen Rucksack und eine anthrazitfarbene Basecap. Seine leicht abstehenden Ohren und die Brille, deren Gläser wie Lupen wirken, sorgen mit seiner Blässe dafür, dass sein optisches Erscheinungsbild gleichermaßen wiedererkennbar, wie unattrakiv wirkt. Eine Weile lang trug er rote Teufelshörner aus Plastik, auf denen „AC/DC“ stand, doch die hat er inzwischen abgeschafft.

Er ist immer kurz nach Einlass da, stellt sich in die Mitte des Raumes und nickt begeistert, wenn er das Bühnenbild sieht, so wie er auch während des Konzerts seine Begeisterung durch Headbangen und das Anstupsen anderer Konzertbesucher ausdrückt, denen er mit Daumen hoch signalisiert, dass das gerade voll geil ist. Was die vielleicht auch finden, aber meistens nicht so mit ihm teilen wollen; genauso wie er der Abenddienstleitung – die ihn natürlich auch kennt – regelmäßig selbstgebrannte CDs mitbrachte. Was besagte Person zwar als Geste rührend fand, aber mit der Musik relativ wenig anfangen konnte.

Ich kenne seinen Musikgeschmack inzwischen recht gut; bei Konzerten eines bestimmten Veranstalters (dessen Anweisung an das Licht lautet: „Egal, Hauptsache bunt und wackelt.“ – und irgendwie treten die Bands auch so auf…) ist er grundsätzlich immer da, und im Großen und Ganzen steht er eher auf Hardrock, als auf Death Metal.

Ich weiß also inzwischen ziemlich gut, wann er da sein wird, und dementsprechend erwarte ich auch, dass er unter den ersten 10, 20 Zuschauern ist. Wir begrüßen uns per Handschlag, und als er einmal nicht da war, obwohl ich ihn erwartete – nunja, fehlte etwas.

Er ist ein ziemlich netter Kerl, und nach dem, was er erzählt, gibt er fast seinen gesamten Lohn für Konzerte aus, weil er fast jeden Tag auf Konzerten ist. Er ist einer von diesen Menschen, die so ein bisschen in ihrer eigenen Welt leben, aber vielleicht muss er das auch, um in dieser Welt klarzukommen. Ich habe ihn noch nie mit Freunden gesehen, und inzwischen tut es mir ein bisschen weh, in den Augen anderer Menschen zunächst Ablehnung zu sehen, wenn er auf sie zukommt. Wer weiß, mit wem er sonst reden kann.

Er ist nicht der einzige Stammgast, aber er bringt mich zum Nachdenken, denn er scheint ohne Hintergedanken die Musik zu hören und Kontakte knüpfen zu wollen, und man fragt sich unwillkürlich, wie man mit den Menschen umgeht, die einen so umgeben.

Und vor allem: wo man selber dieser Stammgast ist.

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