Fahrt

Du schaust aus dem Fenster.

Durch den vereisten Atem erkennst du schemenhaft das Draußen, Schnee und die Welt. Schwarz und Weiß, Kälte dort, Wärme hier, die Welt zieht vorbei und du ziehst der Welt vorbei.

Durch den kleinen Spalt ein Luftstrom. Du fröstelst, Gänsehaut. Süßlich brennendes Prickeln auf der Haut, Rückzug in dich selbst.

Die Unbekannte neben dir schläft, die Unbekannten vor dir diskutieren. Du verstehst die Bedeutung ihrer Worte; allein ein Sinn ergibt sich dir nicht. Ihre Unterhaltung scheint verschlüsselt, und doch ist es nur Allerweltsgeplänkel.

Es ist dunkel. Vereinzelt Lichter. Lange Streifen, die vorüberziehen: sie wollen alle in die andere Richtung. Autos sind mächtige, dunkle Wesen mit leuchtenden Augen, die dich suchen.

Das Radio plänkelt leise vor sich hin, auch dort eine unentwirrbare Diskussion. Das unmissverständliche Piepen des Telefons ist die einzige Kommunikation, die du verstehst: es hat Hunger, will aufgeladen werden.

Bist du der Welt fremd geworden?

Ist die Welt es, die sich dir entzieht?

Man redet mit dir.

Wie lange schon?

Dein Hirn strengt sich kurz an, übersetzt, findet eine kurze, prägnante und sogar humorvolle Antwort.

Zurück ans Fenster, und dann: das Radio. Es reicht dir eine Hand. Kalt zwar und nicht recht greifbar, und da ist es: das Lied, in dessen Welt du dich die ganze Zeit schon befunden hast.

 

Terroristisches Bockspringen

Mein Fahrrad lahmt gerade ein wenig, was bedeutet, dass ich in den letzten Tagen in eine mir völlig fremde Welt eingetaucht bin:

Die Welt des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV)

Für viele derjenigen, die hier ab und an vorbeikommen, wird es nichts Besonderes sein, in eine U-Bahn, S-Bahn, Bus, Fähre, Zepellin oder dergleichen zu steigen – für mich war es das, weil ich fast ausschließlich auf meinem Drahtesel unterwegs bin. Nun denn, Berührungsängste und Genervtsein-von-blöden-Mitmenschen mal beiseite geschoben, hat es sogar Spaß gemacht.

Bis zum schwarzen Rucksack.

Der stand völlig unschuldig am Ausgang einer U-Bahn-Station. Also, nicht völlig unschuldig, denn sonst wäre ich nicht aufmerksam geworden. Ich brachte den Rucksack mit einem ebenfalls unschuldig umherstehenden jungen Mann in Verbindung, der auf Anhieb sympatisch wirkte. Lange Haare, Vollbart, schwarz-braune Klamotten und allgemein schluffiges Auftreten: die gemeine, insbesondere in meinem Umfeld häufig anzutreffende Linke Bazille.

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das mädchen in schwarz mit dem hund

das mädchen in schwarz mit dem hund steht in einer dunklen ecke.

während neben ihr das hochglanzpolierte leben in der schicken straße tobt, scheint sie völlig losgelöst von der welt.

passanten beachten sie nicht; es gibt schließlich schon genug bettler, die in dunklen ecken stehen.

aber das mädchen in schwarz mit dem hund bettelt nicht.

das mädchen in schwarz interagiert nicht einmal mit den vorbeiströmenden massen von menschen, die essen gehen, im kino waren, von der arbeit kommen.

und sich über essen gehen, kinobesuche und arbeit unterhalten.

es ist heiß an diesem tag; vermutlich war es im ganzen jahr noch nicht so heiß wie an diesem tag.

dem mädchen in schwarz mit dem hund scheint dies nichts auszumachen.

sie steht einfach nur da, den kopf stolz nach oben gerichtet, die hand, mit der sie die leine hält, auf dem kopf des riesigen bernsteinfarbenen hundes, der ihr treu ergeben zuhechelt.

ich gehe an der ecke vorbei und schaue ihr in die augen.

das mädchen in schwarz mit dem hund weint bitterlich, stelle ich fest, doch kein laut ist zu hören, kein schulterzucken verrät ihren zustand.

sie steht einfach nur still da, die hand auf dem kopf ihres riesigen hundes, während das glitzerleben an ihr vorbeitobt.

sie schaut mich mit ihren augen an, leer und unfokussiert und doch flehentlich.

eine träne löst sich aus ihrem auge und rollt die wange herunter, ganz langsam, bis sie sich schließlich ablöst und herunterfällt.

ihre augen schauen mich nun bewusst an.

sie fasst einen entschluss und bewegt ihre freie hand; anscheinend will sie mir etwas sagen.

was sie mir sagen will, weiß ich nicht.

manchmal wache ich auf, den lautlosen schrei des mädchens in schwarz mit dem hund auf den lippen

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