…und raus bist du

Wir trafen uns zufällig an einem schönen, warmen Sommertag. Ich hatte gerade ein paar Einschreibemodalitäten erledigt und war dabei, das obligatorische Foto für den Studiausweis zu machen, als mir eine Gestalt über den Weg lief, die ich aus dem Leben davor kannte:
Michael¹ war mit mir in der Berufsschule gewesen, wo wir beide lernten, was denn ein Veranstaltungstechniker so macht.
Ich hatte um ein halbes Jahr verkürzt und in der Zeit ernsthaft gearbeitet, Michael kam frisch aus der Ausbildung – und wir hatten beide das gleiche Ziel: auf der akademischen Leiter noch ein bisschen klettern; Elektrotechnik und Veranstaltungstechnik liegen nicht so weit voneinander entfernt, aber so ein Bachelor/Master macht sich schon besser…
Jedenfalls freuten wir uns beide über die Anwesenheit des jeweils Anderen und begannen mit dem Studium. Bei mir mit dem Bruch, bei ihm nicht ohne Anstrengung und Misserfolge, aber im Rahmen des Normalen.
Er ist Kommilitone, Kollege und Freund, Leidensgenosse und Schnitzelbudenbesitzer in Spe.

Und dann kam die mündliche Prüfung.

Genau wie ich, hatte er zuvor schon das zweifelhafte Vergnügen gehabt, sich Tete-A-Tete mit einem Professor unterhalten zu dürfen, und genau wie ich, hatte er dabei nicht geglänzt, aber wenn man ums (akademische) Überleben kämpft, dann ist auch ein dreckiger Sieg vor allem: keine Niederlage und damit das Game Over.
Und genau wie er damals, reagierte ich sehr ungläubig auf die Nachricht, dass er durchgefallen ist.
Es geht so verdammt schnell. Halbe Stunde befragt werden, Wisch unterschreiben, und dann kommt der Hammer, frontal ins Gesicht:

Durchgefallen.

Während ich diese Zeilen schreibe, durchlebe ich eine Art Phantomgefühl, bin meiner eigenen endgültig nicht bestandenen Prüfung wieder näher, weiß genau, wie er sich fühlt.

Wut über sich selber, Schock, Trauer, trotzdem irgendwo ein Erleichtertsein, dass der Druck erst einmal gewichen ist. Irgendwann kommen die Vorwürfe an sich selber, der Gedanke, man hätte doch alles gekonnt, mehr gelernt als je zuvor, aber… und ja, auch das Gefühl, die anderen Kommilitonen könnten einen unterschwellig als doof betrachten.

Dabei habe ich mir um Michael überhaupt keine Sorgen gemacht; er kann sehr viel besser, zielgerichteter und strukturierter lernen als ich. Er kann Dinge erklären und weiß meistens ganz gut, was er tut.

Glücklicherweise hatte er sich ähnlich wie ich auch schon mit dem Fall des Nichtbestehens auseinandergesetzt, aber trotzdem ist dies ja nun der Worst Case, den man nur zu gerne vermieden hätte.

Sicherlich muss man zunächst bei sich selber suchen, wenn man nach Gründen fragt. Die meisten Professoren sind einem recht wohl gesonnen, wollen aber wissen, dass man ihr Modul beherrscht. Wenn man also viel lernt, aber keine Chance hat, ist es vielleicht die Nervosität, vielleicht hat man das Falsche gelernt, vielleicht auch einfach Pech.
Vielleicht kann der Professor eine Frage aus einer anderen Perspektive stellen, und dann wiederum hängt ein ganzes Studium daran, auf den Punkt für eine halbe Stunde 100% geben zu können.

Es hat bei Michael nicht gereicht, und das ist einfach nur verdammt schade.

¹ in Echt heißt er anders, aber Datenschutz, weisste…

King of the Jungle

(C) für das bild: http://www.flickr.com/photos/ranil_amarasuriya/

Es war also so, dass unsere Tutorin für Analysis krank wurde und wir deswegen das Tutorium wechseln mussten, natürlich erst eine Viertelstunde, nachdem das Tutorium offiziell begonnen hatte. Machte aber nichts weiter, die Bildungskaravane zog also um und wurde vom anderen Tutorium nicht gerade begeistert, aber auch nicht abweisend empfangen.

Das Tutorium lief also den Lauf der Dinge, und nach etwa fünf Minuten stellte der Tutor eine Frage, die mit ja oder nein zu beantworten ist, natürlich mit den entsprechenden Begründungen (Analysis ist dieses Fach, wo man Funktionen hat und dann Aussagen darüber machen soll, Nullstellen berechnet und dergleichen).

Es meldet sich ein junger Mann schräg links vor mit, Typ BWL-Student: Teuer aussehende Hemd-Pulli-Kombination, Jeans, Lederschuhe, sein Selbst lässig in den Stuhl gefläzt, Laptop vor sich, Facebook offen und ist der Meinung: „JA!“ – gefolgt von einer ganzen Menge Bla-di-Ha.
Klang auch alles ganz schick, aber ich war der Meinung „NEIN!“ – gefolgt von weniger Bla-di-Ha.

Der Ehrlichkeit halber muss ich an dieser Stelle zugestehen, dass es in Analysis meistens leichter ist, ein „Nein“ zu begründen, denn da braucht man nur ein einziges „Nein“ – ein einziges „Ja“ kann allerdings auch nur ein Spezialfall sein, muss also allgemein begründet werden.

Es ergab sich zufällig, dass ich Recht hatte, und damit war die Sache für mich und den Rest des Tutoriums erledigt, auf zur nächsten Aufgabe. Ich konzentrierte mich darauf, der Aufgabe zu folgen, und wenn ich Zeit hatte, den Inhalt der verpassten Viertelstunde zusammenzuklauben.

Nicht so für den jungen Mann schräg links vor mir, Typ BWL-Student.

Zunächst drehte er sich unmittelbar nach der Bestätigung seines Falsch-Liegens und meines Recht-Habens mit einer Mischung aus Respekt, Fassungslosigkeit und einem unmissverständlichen „Wer bist du? Und was machst du hier?!?“ zu mir um – kurzer Feindkontakt. Jemand war in sein Territorium eingedrungen, hatte ihm eine schmerzliche Niederlage zugefügt und bedrohte seine Autorität.

Ich war natürlich offiziell damit beschäftigt, Dinge aufzuschreiben und widmete ihm keine Aufmerksamkeit (mir ging es streng um die Mathematik, nicht um die Mathematiker. Genauso wenig hätte es mich interessiert, hätte er Recht gehabt, shit happens).

Und dann geschah etwas Erstaunliches.

Offensichtlich angestachelt durch seine herbe Niederlage, gab er seine nonchalante Sitzposition auf und folgte aufmerksam dem Tutorium – um an den entscheidenden Stellen sein umfangreiches Fachwissen zum Besten zu geben. Der Laptop lief zwar noch, wurde aber nun deutlich weniger benutzt.

Wirklich zu schade, dass ich gerade keine Lust auf einen Hahnenkampf hatte…

Dem Inschenör…

Die Elektrotechnik ist eine Disziplin der technischen Wissenschaften, die sich mit den ingenieurwissenschaftlichen Anwendungen der Elektrizität und deren physikalischen Begleiterscheinungen befasst. Sie behandelt sowohl die Umwandlung primärer Energieformen in elektrische Energie, ihre Weiterleitung und Verteilung und die Wandlung der elektrischen Energie vorwiegend in mechanische und thermische Energie, als auch die Übertragung, Vermittlung und Verarbeitung von Nachrichten und Informationen.

aus: Bachelor- und Master-Studienführer Elektrotechnik der TU Berlin, Ausgabe 2010/2011

Wer es bisher noch nicht wusste: ich studiere ab heute den wunderschönen Bachelor-Studiengang Elektrotechnik an der Technischen Uni Berlin. Mich haben schon die E-technischen Inhalte während der Ausbildung zum Veranstaltungstechniker sehr interessiert – leider lautete die Antwort auf meine Fragen immer: „Das ist zu kompliziert, Sascha, das machen wir hier nicht.“ – und auch meine Arbeitssituation hat es begünstigt, es jetzt doch noch mal mit dem Studieren aufzunehmen (es mag Menschen geben, die sich an eine Episode meines Lebens in Hannover erinnern).

Schon der Mathematik-Vorkurs qualifiziert mich so halb zum Mathelehrer; glaube ich dem allgemeinen Tenor derer, die schon an der TU studieren oder mal dort studiert haben, dann habe ich vermutlich die eine oder andere akademische Nuss in den nächsten Jahren zu knacken.

Ich bin aber einfach frohen Mutes, dass ich das auch packe. Ganz dumm bin ich ja nicht (manchmal allerdings faul, das ist schlimmer, fürchte ich…).

Für milchmithonig bedeutet das: es ändert sich was, oder vielleicht, oder eben nicht. Vermutlich werde ich mehr über (Energie)wissenschaftliche Themen schreiben, die mich interessieren, oder ich schreibe mehr nichtwissenschaftlichen Quatsch, um meinen Kopf frei zu bekommen, oder es bleibt so, wie es schon immer wurde.

Jedenfalls freue ich mich, dass das Studium jetzt endlich „richtig“ los geht!

Der erste Elektrotechniker-Witz:
Kommt ein Neutron in die Disco. Sagt der Türsteher: Sorry, nur für geladene Gäste!

 

Das gute Ende

gute wege. nicht immer geradlinig.

Der Beginn der Beziehung war einigermaßen symbolträchtig, aber das konnte ich noch nicht wissen, damals. Ich wollte zu einem Vorstellungsgespräch als Praktikant in einer Veranstaltungsfirma gehen, doch der Termin musste verschoben werden.
Schließlich kam ich zum Ausweichtermin, wir waren uns sympatisch, und das Lächeln beim „wir melden uns“ hat mir recht viel Zuversicht gegeben. Tatsächlich kam das „wir melden uns“ sehr viel schneller als gedacht, denn sie brauchten dringend Jemanden, der mit Kunden umgehen, dabei einigermaßen schick aussehen kann und keinen Mist macht.

Und so begann vor vier Jahren eine Geschichte, die gestern ihr vorläufiges Ende gefunden hat.

Ich wurde Praktikant in der Veranstaltungsfirma, und nachdem ich mich ein Jahr in den verschiedenen Arbeitsbereichen getummelt und Erfahrungen gesammelt hatte, nachdem ich Geld verdient und mir Gedanken um die Zukunft gemacht hatte, nachdem das Umweltforum sich interessiert und ich nicht prinzipiell abgeneigt gezeigt hatte, legte ich nach dem Praktikum einen drauf und machte die Ausbildung zum Veranstaltungstechniker. Weiterlesen „Das gute Ende“

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