Sünndagsschnack (16)

Moin moin,

Nass werden vs. nass sein
Ich wurde neulich abends mal wieder vom Regen überrascht und hatte selbstverständlich keine Regenklamotten dabei. Das Zeugs war ja teuer, das will man ja nicht nass und schmutzig sehen. Aber, habe ich mir gedacht, man ist ja nicht aus Zucker, es kann ja auch Spaß machen, nass unterwegs zu sein, am Ende kann ich ja schön warm duschen.

Die Feinheit liegt in der Formulierung „nass unterwegs sein“ – denn dann bin ich schon komplett nass. Mein Problem liegt eher im nass werden – also die fünf oder vielleicht zehn Minuten, in denen man langsam von Trocken nach Nass durchfeuchtet. Und das finde ich unangenehm. Ist das Kind/der Regen dann auf den Brunnen gefallen und man eh komplett nass, dann ist es auch egal – und kann sogar Spaß machen.

Übrigens: auf dem Rad wird man immer nass. Entweder ohne Regenklamotten von Außen, oder mit Regenklamotten dann eben von Innen…

* * *

Nils Frahm in der Elbphilharmonie
Ich habe Nils Frahm in der Elbphilharmonie gesehen – und fand es fantastisch. Natürlich gefällt mir seine Musik sehr gut – das Minimalistische, das Repetetive, die warm-analogen Synthesizer-Sounds, die schönen Melodien, die tolle Rhythmik – aber ich fand, sowohl Musik als auch Raum haben gestern sehr voneinander profitiert. Ich habe mich im Vorfeld gefragt, ob die Musik live funktioniert, weil er sie oft langsam aufbaut und ich gemerkt habe, dass mir im Youtube-Video dafür manchmal ein bisschen die Geduld fehlt – aber es funktionierte tatsächlich ziemlich, ziemlich gut. Auch die sehr warme Beleuchtung passte perfekt. Wer die Möglichkeit hat: unbedingt mal anschauen!

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Gute Kunst weckt in mir das Bedürfnis, selber Kunst zu machen
Ich tue mich manchmal ein bisschen schwer, Kunst (Bilder, Fotos, Filme, Bücher, Musik, Theater…) zu konsumieren, weil es manchmal passiert – gestern z.B. – dass ich mich sehr dazu animiert fühle, selber etwas zu erschaffen. Ich habe das Konzert sehr genossen, keine Sorge – aber auch immer darüber nachgedacht: „Wie macht der Frahm das? Wie ist dieser Song aufgebaut? Wie kann man so etwas selber machen?“ – und ich kann es selbstverständlich nicht. Ich bin nicht Nils Frahm und habe nicht sein Talent – ich habe andere Talente. Aber ich habe Lust, selber Dinge zu machen und auszuprobieren – mich auszuprobieren – auch mit dem Risiko, zu scheitern. Dieser ganze Blog ist auch nur ein Experiment. Aber – und das ist vielleicht das Wichtigste: wenn ich mich anregen lasse, wenn ich mich inspiriert fühle, dann fühle ich mich lebendig. Und deswegen bewegt mich ein Konzert wie das gestern manchmal viel mehr, als nur: Da macht jemand sehr gute und schöne Musik.  

Jümmer schön suutje blieven

Stufenundkanten

Neues aus Australien

Der Wald, aus 53 Metern Höhe
Der Wald, aus 53 Metern Höhe

Ich bin nun etwa einen Monat in Australien, sitze in einem Backpackers in Walpole und warte, dass das Wetter etwas besser wird. Der Besitzer hier meinte gestern lachend: „Wettermäßig kannst du hier alle vier Jahreszeiten innerhalb von Stunden haben.“ als ich ihn fragte, ob das Wetter wirklich so schlimm werden würde, wie der Wetterbericht meinte (90-95% Regenwahrscheinlichkeit, Sturm möglich). Und tatsächlich folgen Schauer auf Sonnenschein auf Schauer, mit etwas Wind dazwischen (gut, dass meine nächste Etappe teilweise durch den Wald und größtenteils über ungeschütztes Terrain geht…).

Ich bin aber auch etwas müde – und das nicht nur körperlich – und so kommt mir die Pause recht gut gelegen. Das Haus ist nett, die Leute freundlich, es ist warm und trocken, und ich habe überhaupt kein Problem damit, den Tag auf dem Sofa zu verlümmeln. Morgen geht es weiter – sofern nicht die Welt untergeht – und es werden drei harte Tage, bevor ich die letzte Etappe des Munda Biddi Trail in Angriff nehme. Ich werde dann die südliche Hälfte von Jarrahwood bis Albany gemacht haben, etwa 600 Kilometer durch den australischen Bush, größtenteils tatsächlich off road, wie man es sich vorstellt – an vielen Stellen ist der Weg so schmal und zugewachsen, dass man nur hintereinander fahren könnte, wäre man mit Mehreren unterwegs.

Links: Aufhang. Rechts: Abhang. Oben: Regen.
Links: Aufhang. Rechts: Abhang. Oben: Regen.

Ich bin allerdings alleine unterwegs; aus den verschiedensten Gründen habe ich die Gemütlichkeit der Farm verlassen und mich auf die Räder gemacht. Es kribbelte einfach in den Beinen.

Das Kribbeln ist mittlerweile einem leichten, permanenten Gefühl des Ausgepowertseins gewichen; wenn man sich vorstellt, dass der Trail an den meisten Stellen in einem schlechteren Zustand ist, als ein alter deutscher Feldweg, kommt der Wahrheit sehr nahe. Die Macher des Trails versuchen, Straßen so weit es geht zu vermeiden, und an manchen Stellen, wenn der Trail parallel zur Straße verläuft, ist man doch versucht… aber nein, ich will das echte Offroad-Erlebnis, und so versuche ich, die Umgebung und das Gefühl der Einsamkeit zu genießen, während das klamme Gebüsch mir von links und rechts ins Gesicht und die nur-noch-so-einigermaßen-funktionierende-Regenjacke klatscht.

Da können wir nicht drüber... da können wir nicht drunter... da gehen wir drumrum!
Da können wir nicht drüber… da können wir nicht drunter… da gehen wir drumrum!

Man stellt sich unter „Australien“ meistens weite, rote, sonnige Wüsten vor, mit Uluru irgendwo zentral im Bild. Doch die Westküste kann im Winter sehr nass sein, mit monsunartigen Regenfällen. Die Menschen verlassen sich darauf, denn Regenwassertanks sind für viele die einzige Wasserversorgung – und die müssen in den neun regenlosen Monaten ausreichen – mehr gibt es nicht.

So lässt sich die Frau gestern im Supermarkt sehr gut verstehen, die sich Regen wünschte und sehr ernst reagierte, als ich spaßeshalber meinte, ich würde als Radfahrer gerne drauf verzichten. Ich bin einen Tag lang durch verbrannten Wald gefahren; schwarze Bäume und das Wetter sorgten für eine merkwürdige, post-apokalyptische Stimmung. Es war eines der größten Feuer in Australien, das Anfang des Jahres 100 Hektar Wald zerstört hat und insbesondere die Ortschaft Northcliffe massiv bedrohte. Sowas lässt einen den Regen in anderem Licht sehen.

Teile des Munda Biddi Trails wurden ebenfalls zerstört, eine Hütte beschädigt.
Teile des Munda Biddi Trails wurden ebenfalls zerstört, eine Hütte beschädigt.

Die Tour ist bislang auch eine Reise in meinem Kopf. In den letzten Wochen und Monaten sind eine Menge Dinge passiert (gut und schlecht), ich spüre, wie viel ich in Island gelernt habe. Das Körperliche ist eine Sache, das Psychische eine ganz andere. Nachts mutterseelenallein im Stockdunklen in der Hütte sitzen hat seinen eigenen Charme, aber nach zwei Tagen Einsamkeit freut man sich auch wieder über andere Menschen…

Drei Viertel dieses kleinen Abenteuers sind um; ich bin gespannt, wie es ist, wenn ich in Albany ankomme. Danach muss ich irgendwie wieder nach Margaret River; und es gibt verschiedene Möglichkeiten: den Bus (hm…), einfach die gleiche Strecke zurück (nee…), entlang der Highways die Küste hoch (klingt gut).

Ich bin gespannt, was kommt; Fahrrad und ich sind guter Dinge!

Panorama mal andersherum...
Panorama mal andersherum…

Warum ich gegen eine Helmpflicht bin

tldr: Ich bin gegen eine Helmpflicht, weil meiner Meinung nach Helme nur Symptome behandeln, statt Ursachen zu bekämpfen.

Der Bundesgerichtshof hat vor Kurzem ein Gerichtsurteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts korrigiert, in dem es um das Tragen von Radhelmen ging.

Kurzzusammenfassung des Sachverhalts: Eine Frau fuhr gegen eine plötzlich geöffnete Autotür und hatte einen Unfall mit schweren Kopfverletzungen. Ihre Versicherung verweigerte die Übernahme von 50% der Kosten, da „vernünftige Menschen“ (sic!) einen Helm trügen. Das Gericht reduzierte die Übernahme auf 20%, da sie durch das Tragen eines Helms die Schwere der Verletzungen habe mindern können und somit Mitschuld an den Verletzungen trage.

Der Bundesgerichtshof wies dieses Urteil zurück; der Autofahrer muss 100% der Kosten übernehmen.

Ich begrüße dieses Urteil grundsätzlich. Es weist die Dreistigkeit der Versicherung in die Schranken, und rückt die moralische Bewertung des Geschehens gerade.

Um Eines vorwegzustellen: Aus einer rein gesundheitlichen Sicht finde ich Fahrradhelme sehr, sehr sinnvoll. Wertvolle Dinge packt man gut ein, und dazu zähle ich meinen Kopf auch.

Dieses Urteil ist aber in einem viel größeren Zusammenhang sehr, sehr wichtig, und der betrifft nicht nur Fahrradfahrer¹.
Schauen wir uns den Unfallhergang an. Eine Radfahrerin fährt an einem parkenden Auto vorbei; der Fahrer öffnet in diesem Moment die Tür, es kommt zum Unfall.
Die Ursache (Autotür öffnen) sorgt für die Wirkung (Unfall) – mit den Verletzungen als Folge.
Das holsteinische Urteil hätte eine (20%ige) Umkehrung dieses Sachverhalts zur Folge gehabt – denn wenn die Radfahrerin eine Teilschuld bekommt, weil sie keinen Fahrradhelm trägt, heißt das, man kann sie teilweise für den Unfall verantwortlich machen – und das ist falsch.
Sie hat sich nichts zuschulden kommen lassen, und unter Normalbedingungen braucht man keinen Helm, genauso wenig wie Fußgänger oder Autofahrer selber auch.

Der Helm ist eine reine Vorsichtsmaßnahme für den Fall einer Ausnahmesituation – und jeder Unfall sollte eine Ausnahmesituation sein. Es sollte daher auch in der eigenen Verantwortung des Radfahrers liegen, ob er das Risiko eingeht, ohne Helm zu fahren, oder nicht.

Meine Schwester hatte vor Jahren einen furchtbaren Unfall, und ich bin sehr froh, dass sie einen Helm getragen hat, auch wenn der in dem Fall nicht viel gebracht hat.

Und nach wie vor behandeln Helme nur die aus einem Unfall entstehenden Folgen, die eigentliche Ursache, den Unfall selber, können sie nicht verhindern. Im Gegenteil, eine Studie kommt zu dem Schluss, dass Helmträger gefährdeter sind als andere, eben weil sie ja gut geschützt seien. Das ist ein einfacher psychologischer Effekt: der Autofahrer kann draufhalten – der Radfahrer hat ja einen Helm – der Radfahrer kann rücksichtsloser fahren – er hat ja einen Helm.

Einen ähnlichen Effekt gab es bei der Einführung des Airbags auch – der sich übrigens durchgesetzt hat, weil die Kunden ihn wollten, nicht, weil er gesetzlich vorgeschrieben wurde.

Als ich 1999 in Neuseeland war, habe ich mich auch über die dortige Helmpflicht unterhalten, und warum die Helmpflicht zu noch größeren Unfallzahlen führte, als vorher.
Mein Gesprächspartner – ein 50-jähriger begeisterter Autofahrer – meinte, Helme seien wie „Die Ambulanz am Fuß des Berges, statt der Zaun oben“ und sprach damit ebenfalls auf das Ursache-Wirkungs-Prinzip an. Neuseeland hatte sich lediglich darauf beschränkt, Helme vorzuschreiben, anstatt verkehrspolitisch irgendwelche fundierteren Konsequenzen zu ziehen. 1999 gab es dort kaum Radwege, und ich schätze, daran hat sich nicht viel geändert.

Kein Unfall wird durch einen Fahrradhelm verhindert. Es werden lediglich die Folgen abgemildert.

So sterben die meisten Radfahrer in Berlin (und vermutlich auch sonstwo) durch rechtsabbiegende Autos. Hier bringt ein Schulterblick viel, viel mehr, als jeder Helm.
Ich kann mich jedenfalls sehr gut an meinen Fahrlehrer erinnern, der eine Vollbremsung machte, als ich beim Rechtsabbiegen jemandem die Vorfahrt nehmen wollte. Hand aufs Herz: Welcher Autofahrer macht denn noch einen Schulterblick? Wer hat nicht beim Anblick eines Radfahrers gedacht: „Ich fahre vor dem, der ist schwächer, der wird schon bremsen.“?

Das zweite große Problem sind Radfahrer, die bei rot über Ampeln fahren – das ist genau so dumm und unverantwortlich, wie betrunken Auto fahren.

Unfälle verhindern kann man nur mit intelligenter Verkehrspolitik, mit Sensibilisierung aller Beteiligten, und mit gegenseitiger Rücksichtnahme, und da kann jede/r etwas tun. Ich verhalte mich sowohl als Fußgänger, als Radfahrer, als Autofahrer ab und zu aggressiv und rücksichtslos, und ich kenne niemanden, der oder die sich immer zu 100% korrekt verhält – das verlange ich auch nicht.

Aber ein bisschen Rücksicht – Schulterblick, nicht jede Abkürzung nehmen, die geht, Handzeichen – und Entspannung sind nicht nur gut für den Blutdruck, sondern verhindern meiner Meinung nach jede Menge Unfälle.

Damit aber entspanntes Fahren möglich ist, braucht es gute Infrastrukur. Selbst in Berlin mit seinen breiten Straßen und seinem gut ausgebauten Radwegenetz entstehen unnötige Konflikte dadurch, dass Radwege mitten auf der Straße enden, scheinbar willkürlich zwischen Straße und Randstreifen wechseln und völlig bescheuert an Bushaltestellen entlangführen – nämlich so, dass die ein- und aussteigenden Gäste voll über den Weg laufen.

Es gibt in Holland (mindestens) 11 verschiedene Entwürfe für intelligente Radwegführung an Kreuzungen und Bushaltestellen.

Dass der deutschen Verkehrspolitik nichts weiter einfällt, als Radfahrer und ihre Bedürfnisse konsequent zu ignorieren, ist beschämend.

Der ADFC zum Thema Helmpflicht

Helm? Ja! Zwang? Nein! (Der Freitag)

¹ übrigens bin ich auch Fußgänger und begeisterter Autofahrer

 

Island 2013 – Der „Golden Circle“ (6)

…und raus aus dem Hochland

Wir befinden uns etwa drei Kilometer von Flúðir entfernt auf einem Feldweg, umgeben von grünen Hügeln und den allgegenwärtigen Schafen. Langsam glauben wir, dass die Franzosen – und damit auch wir – hereingelegt wurden, denn wir können weit und breit keine heiße Quelle erkennen.

Als wir am nächsten Morgen die vierzehn Kilometer bis zum Asphalt gemacht haben, ändern sich die Bedingungen sehr schnell. Die Straße ist nun nicht mehr so hügelig; im Großen und Ganzen geht es jetzt bergab. Die unterschwellige Befürchtung, nach dem gestrigen KO würde es auch heute anstrengend werden, bestätigt sich zum Glück nicht.

Flúðir

Unser (vorläufiges) Tagesziel lautet „Flúðir“ – ein Ort, laut Reiseführer so ruhig und bescheiden, dass im Zweiten Weltkrieg hier wichtige Dokumente versteckt wurden. Wir gehen hier einkaufen und suchen entsprechend eines Tipps, den uns zwei französische Radler gegeben haben, nach einer heißen Quelle ganz in der Nähe.

Heiße Quellen
„Franzosen trifft man im Cafè, Engländer im Pub, Isländer im Schwimmbad“, weiß unser Reiseführer. Und es scheint etwas Wahres dran zu sein, denn aufgrund der thermalen Aktivität eines Großteils Islands gibt es in fast jedem noch so kleinen Ort ein Schwimmbad; mit etwas Glück findet man auch eine rustikalere heiße Quelle – meist einfache Becken mit einer Hütte zum Umziehen, welche direkt mit heißem Quellwasser gespeist wird.

Noch halten wir das Ganze für einen Scherz...
Noch halten wir das Ganze für einen Scherz…

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Himmel, fahrt!

Himmelfahrt oder: wo ist eigentlich Bernau?
Es ist ja inzwischen so etwas wie eine kleine Tradition: zu Himmelfahrt¹ setzen sich Heerscharen an Männern aufs ansonsten sträflich vernachlässigte Fahrrad³, um sich an diesem besonderem Datum zu zeigen, dass man Radfahren und Trinken besser nicht kombinieren sollte.
Eine kleine Reisegruppe unerschrockener (Ex-, Halb- und Irgendwie-) kollegen jedoch macht sich auf, die Radwanderwege um Berlin zu erkunden. In diesem Jahr sollte es nach Usedom gehen, auf dem Berlin-Usedom-Radweg.
Die Puristen Fanatiker unter uns wollten den Weg möglichst in seiner vollen Länge genießen, und so legten Philipp und ich die 26 Kilometer nach Bernau auf jeweils zwei Rädern hin, während die beiden anderen Herren im Zug anreisten.
Weil wir uns dummerweise in Französisch-Buchholz verfuhren*, mussten wir die letzten 12 Kilometer im gestreckten Galopp hinlegen.

Die unerschrockenen Reisenden
Die unerschrockenen Reisenden

Dass wir trotzdem pünklich waren, verdanken wir auch der Deutschen Bahn, die Raphael und Christopher genau richtig zu spät anlieferte. Weiterlesen „Himmel, fahrt!“

Döner – Kalle (38)

döner-kalleGoing Deeper Underground

Kalle schaute mich an, wie ein Tourist in den Rocky Mountains Bigfoot anschauen würde, begegneten sich beide zufällig in den Bergen – und ganz verdenken konnte ich es ihm nicht, denn ich vermutete, dass ich in meinem Aufzug – Regenkleidung, dunkle Wollmütze und das unrasierte Gesicht über und über mit Schlamm bespritzt – in einem Bigfoot-Lookalike-Wettbewerb zumindest Chancen auf einen Recall haben würde.
Immerhin wäre „Germanys Next Bigfoot“ gehaltvoller als alle anderen „Next“-Shows. Da Bigfoot hierzulande nicht allzu populär sein dürfte, müsste man die Show vielleicht umbenennen in „Gemanys Next Problembär“ – und wer das Casting gewänne, würde von einem Jäger seiner/ihrer Wahl abgeknallt werden…

Meine aggressiven Gedanken nahmen zu, wie ich bestürzt zur Kenntnis nahm. Es wurde Zeit, etwas für meinen Blutzuckerspiegel zu tun, und die erfolgreiche Bestellung einer Falafel – auf mein nachbohrendes Bitten hin sowie einige wissenschaftliche Versuche später hatte Kalle sich dazu durchgerungen, die Falafeln aus frischem Teig selber zu machen und sozusagen On-Demand zu frittieren, was der kulinarischen Qualität seiner Bude echt guttat – würde ein erster Schritt dahin sein. Also eher mittelfristig; kurzfristig half eine Flasche Spezi.
Mit echtem Orangensaft, wie mir das Etikett versprach. Ich vermutete eher Aroma und Johannisbrotkernmehl, aber das tat dem Genuss des Getränks keinen Abbruch – wenn schon Junk-Food, dann richtig.

Offensichtlich musste ich Kalle Respekt einfgeflößt haben, denn ich bekam meine Falafel schnell und ohne Zwiebeln, serviert vom Geschäftsführer persönlich, der sich alsdann an meinen Tisch setzte.

„N‘ juten.“

„Danke.“ Der erste herzhafte Biss.

„Sach ma, wieso siehste n eigentlich aus, als wärste durch den Schlamm hierherjerobbt?“

„Mhjamradundmhmmmhmeisundschlamm.“ – vielleicht sollte ich den Mund nicht ganz so voll nehmen, dachte ich nicht zum ersten Mal, vor allem, da Kalles Blick eher verstörter wirkte.

„Lass mich mal eben aufessen. Ist lecker, übrigens.“

Kalle wartete und beschäftigte sich mit dem Glattstreichen der Wachstischdecke. Er nahm den Aschenbecher, in dem sich der klägliche Rest einer Kippe, ein Kaugummi und das Verpackungspapier eines Zahnstochers befanden, leerte ihn im nächstgelegenen Mülleimer und platzierte ihn sorgfältig auf der Mitte des Tisches, die Halteöffnungen für die Zigaretten jeweils um 45 Grad gegenüber den Faltkanten des Tischtuches versetzt.

Ich begann mit der Erklärung meines rustikalen Aussehens:

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