Auf nach Aarhus (I)- Begegnungen und Begebenheiten

Begegnung bei Faaborg.

Es ist ein heißer, träger Nachmittag in Dänemark, als sich in einer Kleinstadt unweit von Faaborg ein älterer Mann entschließt, seinen Campingstuhl im Vorgarten aufzustellen und dem Nichtgeschehen von Dingen bei einer Dose kühlen Bieres beizuwohnen.
Er hat sich gerade niedergelassen und setzt sein Bier an, als sich auf der Straße von links schnell ein merkwürdiges Gefährt nähert. Der ältere Mann macht die silber-blau-schwarzen Schemen als Fahrrad aus, das von einer sonnencremeverschmierten, staubigen, rotgesichtigen Person gefahren wird, die unter der Schmutz- und Insektenschicht vermutlich ein jüngerer Mann ist. Das Gepäck auf dem Gepäckträger hinter ihm türmt sich in bedenkliche Höhen, und das Schlimmste ist: mit einem irren Grinsen zieht der Radfahrer seine Flasche aus dem Halter, schaut zum älteren Mann und ruft ihm ein lautes „Skål!“ zu, während er um die nächste Kurve verschwindet und der ältere Mann ihm zunächst hinterher schaut und dann kopfschüttelnd einen großen Schluck von seinem Bier nimmt.

Dieser Radfahrer bin ich.

In dem Moment, wo ich an dem bedauernswerten Zuschauer vorbei fahre, befinde ich mich in einem kleinen Zwischensprint zwischen der Fähre, die mich vom Festland nach Fünen gebracht hat und der Fähre, die mich von Faaborg nach Lyø bringen wird, einer kleinen Insel südwestlich von Fünen, auf der ich meinen ersten Pausentag verbringen werde.

Ein Baum auf einem Hügel, auf den eine Steinmauer hinzu läuft. Strahlender Sonnenschein, knallblauer Himmel.
Ich vermute, der Baum hätte sich auch über ein kaltes Getränk gefreut.

Es wäre keine ordentliche Radtour ohne Fähren, und diese werden nicht die letzten sein.
Es ist der vierte Tag meiner Tour, auf der ich bisher schon freiwillig Bekanntschaft mit der Ostsee gemacht habe, unfreiwillig Bekanntschaft mit der Schlei gemacht habe, kaum Bekanntschaft mit dem Radfahrer in seinem Renn-Ei gemacht habe und mit Philipp gerätselt habe, mit wem wir wohl Bekanntschaft im Eidertal machen würden, während wir Quarkkartoffeln aßen.

Eine mit Folie abgedeckte Übernachtungsstätte. In den Büschen drumrum hängen Handtücher, T-Shirts und ein Badeanzug zum Trocknen, im Gras ringsrum sind Gegenstände wie z.B. ein Wasserkanister verteilt.
Im Eidertal. Wer drin wohl wohnt?

Philipp wiederum war nur im Holstein-Teil der Tour dabei, aber schon nach diesen vier Tagen hatte die Tour sich selber ein Thema gegeben:

Begegnungen und Begebenheiten.
Bis zu meiner letzten Begegnung an diesem Tag wird es noch eine Weile dauern, denn als ich in Faaborg ankomme, sehe ich, dass ich knapp zwei Stunden auf die nächste Fähre warten muss – ich hatte vergessen, dass Sonntags die Uhren ein wenig anders ticken. Während ich mich eigentlich wirklich über das Wetter freue, macht mir die Hitze zu schaffen, insbesondere weil es heute auf der Strecke nicht allzuviel Schatten gab. Deswegen erkunde ich kurz die schöne Altstadt und verziehe mich dann in einen wunderbar kühlen Supermarkt, um mir ein kaltes Getränk und ein Lakritzeis zu kaufen. Danach schaue ich mich im Hafen um, wo es direkt im Hafenbecken ein Freibad gibt, in dem sich sehr viele Menschen vergnügen. An sich hätte ich auch Lust, zu schwimmen, aber mir ist es hier zu voll, und so lege ich mich in den Schatten neben mein Fahrrad und döse, bis die Fähre kommt.

Die Fähre ist recht klein, mit einem halboffenen Autodeck, auf dem ein Trecker mit einem Anhänger voller Gedöns parkt, noch etwa ein, zwei Autos und eine Radfahrerin. Ich verkrümele mich in das geschlossene Passagierdeck und genieße es, die Dänische Südsee mit ihren größeren und kleineren Inseln vorbeiziehen zu sehen und mich voll dem Moment hingeben zu können, und versinke in einem fast meditativen Gedankenstrom, bis wir anlegen.

Lyø.
Lyø ist sehr klein und überschaubar – gefühlt nicht größer als der Wikipedia-Artikel, wenn man ihn ausdrucken würde – aber auch sehr schön. Und auch, wenn der Ort nur aus fünf Straßen besteht, muss ich sie alle abfahren und habe den Ort schon komplett kennengelernt, bis ich die kleine Pension finde, in der ich übernachte – mein GPS ist hier ausnahmsweise keine große Hilfe.

Die Fassade eines dänischen Fachwerkhauses mit Reetdach, schräg von der Seite fotografiert.
Nicht die Pension, aber eines der schönen, typisch-dänischen Häuser auf Lyø.

Die Pension besteht aus einem der typisch-dänischen Fachwerkhäusern und der zu einer kleinen Kneipe umgebauten Garage und wird bewirtschaftet von einem liebenswerten älteren Paar; ein Däne und eine Berlinerin – dänische Gelassenheit trifft auf Berliner Direktheit. Die Wände beider Gebäude sind mit größtenteils abstrakten Bildern behangen, die Martina hauptsächlich im Winter malt, wenn die Insel sich vom Sommerrummel erholt und in einen Winterschlaf fällt. Sie freut sich, mit jemandem Deutsch sprechen zu können und zeigt mir bei einem Abendspaziergang einen Teil der Insel.

Den nächsten Tag verbringe ich damit, die Insel zu erkunden, und weil sie so klein ist (und ich sowieso viel am Strand unterwegs bin), lasse ich das Rad stehen und mache mich auf Wandertour. Wenn man es drauf anlegt, kommt man an einem Tag komplett um die Insel herum. Weil die Hitze drückt und ich es nicht eilig habe, lasse ich mich eher ein bisschen treiben – bis ein Donnergrollen in der Ferne mich aufhorchen lässt: eine Rockergruppe hat anscheinend dasselbe Ziel wie ich – den nordwestlichsten Zipfel von Lyø – und so knattern fünfzehn Harleys in allen Formaten an mir vorbei und werden am Ende der Straße geparkt. „Die vertreiben mir doch wohl nicht alle Vögel?!?“ denke ich, aber sie schauen sich nur recht kurz um und knattern bald wieder davon.

Ich laufe bis zum Hafen und von dort wieder zur Pension, wo ich eine kleine Mittagspause einlege und dann zum Südende der Insel laufe. Dort gibt es ein paar größere und kleinere Kunstwerke aus Strandgut – und ein „Windtelefon“ – eine Telefonzelle mit einem Telefon drin, dessen Kabel aber in der Luft hängt. Die Idee kommt aus dem Japanischen; weil das Telefon keine Verbindung hat, kann man ihm alle Sorgen und Nöte anvertrauen – der Wind trägt sie davon.

Den Rest des Nachmittags und des Abends habe ich dann in der Kneipe verbracht, wo zufällig und absichtlich vorbeikommende Gäste sich abwechselten und ihren Beitrag zum wahlweise auf Englisch, Dänisch, Deutsch geführten Gespräch beitrugen. Gerüchten zufolge soll das ein oder andere Bier, sowie das ein oder andere Lakritzeis verzehrt worden sein.

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